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Materialempfehlungen
INTERNETFORUM FüR JUNGE CHRISTEN
"Touch me, Gott" ist ein Internetprojekt der Diözesanstelle Berufe der Kirche in Augsburg zusammen mit einem Netzwerk von weiteren Diözesanstellen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Für den Advent hat dieses Internetprojekt einen eigenen Kurs angelegt, der jeden Tag neue Elemente (z.B. Briefe) bringt. Unter „Kurs“ (zu dem ma...

In den Briefen wird der Leser zu eigenen Stellungsnahmen und bearbeitungen aufgefordert. Man kann sich den Brief ausdrucken oder per email an seine E-Mail-Adresse schicken. Ein Kursbuch sammelt die Einträge der Teilnehmer.

MULTIMEDIALE THEMATISCHE WEBSITE
Die multimedial angelegte Website dokumentiert die oppositionellen Aktivitäten von Jugendlichen gegen die DDR-Regierung. Es wird ein breites Spektrum von Zeitzeugen-, Film- und Tondokumenten, rund 400 Fotos und Texten, Faksimiles von Originaldokumenten sowie ca. 60 Video- und Audiosequenzen angeboten.

Neben Arbeitsblättern, Links zu anderen Internetangeboten und Materialien im Internet und methodischen Hinweisen zu Projekten werden Informationen über Techniken der Präsentation von Projektergebnissen angeboten.

Aus der Blogosphäre

Luther-Blog
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23.09: Wer war Melanchthon?

War Philipp Melanchthon im Unterschied zu Martin Luther ein "Leisetreter"?
Dr. Ulrich Oelschläger, Präses der EKHN-Synode, beschreibt das Leben und Wirken des "wichtigsten Kollegen" Martin Luthers und würdigt seine Verdienste für die "evangelische Sache". Wer war Melanchthon? Luther über Melanchthon: "Sanft und leise" War Melanchthon ein Leisetreter? Melanchthons weltgeschichtliche Bedeutung Wie Melanchthon zu seinem griechischen Namen kam Vom begabten Knaben zum Professor Publizistisches Wirken für die evangelische Sache Zur Heirat gedrängt Zu Kompromissen bereit War der Lehrer Deutschlands nun ein Leisetreter? Ganzer Aufsatz als PDF-Datei: mehr   Luther über Melanchthon: "Sanft und leise" Als am 11. Mai 1530 auf dem Augsburger Reichstag in schwierigster politischer Situation die sogenannte Confessio Augustana (CA) fertiggestellt war, das Bekenntnis, das noch heute als eine der Bekenntnisgrundlagen unserer Landeskirche, der EKHN, im Grundartikel der Kirchenordnung genannt ist, sandte Melanchthon dieses Dokument auf die Feste Coburg, wo Luther sich während des Reichstags aufhielt, um sein Urteil über die Schrift zu erfahren.
Luther selbst konnte am Augsburger Reichstag nicht teilnehmen, da er ja immer noch die Vollstreckung des Wormser Edikts von 1521 zu fürchten hatte, das gerade erst im Jahr zuvor (1529) auf dem Reichstag in Speyer gegen den Protest evangelischer Fürsten bekräftigt worden war. So beobachtete Luther die Vorgänge auf dem Reichstag vom südlichsten Stützpunkt des damaligen Kursachsen aus mit Spannung, Wohlwollen, aber auch mit Misstrauen und Argwohn. Viele politische Vorgänge und theologische Auseinandersetzungen gingen voraus, auch innerprotestantische Streitigkeiten z.B. um die Abendmahlslehre, über die 1529 in Marburg auf Einladung des hessischen Landgrafen Luther öffentlich mit Zwingli gestritten hatte. Es entstand also über die Stationen der so genannten Schwabacher und Torgauer Artikel die CA, die Augsburgische Confession, vornehmlich aus der Feder Melanchthons. Der Verfasser war der Überzeugung, mit dieser CA die Katholizität seines Glaubens zu beweisen. Durch seine Übereinstimmung mit der Lehre der katholischen Kirche demonstrierte er, dass ihm die katholische Kirche näher steht als die Zwinglianer. Luther las das Dokument und urteilte, die CA gefalle ihm sehr gut, er könne und wolle daran auch nichts ändern, letzteres würde sich auch nicht schicken, weil er "so sanft und leise nicht treten" könne.(1) War Melanchthon ein Leisetreter? Gemeinhin bekannt über Melanchthon ist seine umfassende Bildung. Als Lehrer Deutschlands, praeceptor Germaniae, wird er gern bezeichnet, und so sagt Luther, der ihn auch den kleinen Griechen nannte: "Wer Philippus nicht als seinen Lehrmeister anerkennt, der muss ein rechter Esel und Bacchant sein, den der Dünkel gebissen hat."(2) Oder: " Unser Philipp Melanchthon, ein wunderbarer Mensch, ja einer, an dem fast alles übermenschlich ist, er ist mir dennoch ganz vertraut und befreundet", schreibt Luther vier Monate nach Melanchthons Ankunft in Wittenberg und ein Jahr später: "Dieser kleine Grieche übertrifft mich sogar in der Theologie."(3)
Nun, Theologie studiert hat Melanchthon bei Luther, der seinerseits bei dem jüngeren Freund seine Griechischkenntnisse verbesserte. Dem Überschwang im Lob stehen bittere Urteile Luthers aus Coburg während des Augsburger Reichstages gegenüber. Besonders bitter sind die Urteile über Melanchthon in den so genannten "Coburg-Briefen". Hier tadelt der Reformator, der sich des Sieges der gerechten Sache gewiss ist, die Kompromissbereitschaft Melanchthons überaus deutlich, wie Heinz Scheible in seiner Melanchthon-Monographie betont:
"…resignierend stellt Luther fest, dass er gegen Melanchthons Philosophie nicht ankommt: Melanchthon werde die Sache weiterhin mit seiner Vernunft anpacken. Für Luther ist dies ratione insanire, vor lauter Vernunft spinnen. Melanchthon werde sich damit umbringen, denn er verstehe nicht das extra nos, dass das Heil nicht aus uns, sondern von außen kommt. Luther kann nur wünschen, Christus möge verhindern, dass die Sache der Reformation in Melanchthons Planung und Hand komme, denn dies wäre der Untergang. Er betet für Melanchthon und ist gewiss, dass er erhört wird."(4) Dies schreibt der gleiche Luther, der andererseits die philologische und theologische Arbeit seines Kollegen und wichtigsten Mitarbeiters über die Maßen lobt, sei es dass es um seinen Beitrag zur Bibelübersetzung geht, sei es, dass er seine loci communes als erste evangelische Dogmatik neben der Bibel für die Studenten zur Pflichtlektüre erklärt. Melanchthons weltgeschichtliche Bedeutung Doch warum gehen wir, wo es uns doch um Melanchthon geht, so sehr auf sein außerordentlich gutes, wenn auch manchmal schwieriges und gestörtes Verhältnis zu Luther ein? Luther hat seine weltgeschichtliche Bedeutung aus sich selbst heraus gewonnen und hat sie auch für sich allein als Einzelperson, als historische Persönlichkeit und Lehrer der Kirche. Er wird durch seinen Kampf mit der römischen Kirche gar zu einem "Mythos der Deutschen"(5) . Melanchthon war ein überragender Gelehrter seiner Zeit, seine weltgeschichtliche Bedeutung gewinnt er aber vor allem durch seine Begegnung mit Luther, er wird zu seinem wichtigsten Kollegen, der durch mühsame Arbeit, Fleiß, Diplomatie und Verhandlungsgeschick, aber auch Standhaftigkeit dort, wo er zentrale reformatorische Grundsätze durch Kompromisse bedroht sieht, die Reformation in beständige Bahnen gelenkt und zu ihrer organisatorischen und politischen Umsetzung entscheidend beigetragen hat. Luther selbst hat den Unterschied zu seinem insgesamt sehr geschätzten kleinen Griechen einmal so formuliert:
"Ich [Luther] bin dazu geboren, das ich mit den rotten und teuffeln mus krigen und zu felde liegen, darumb meiner Bücher viel stürmisch und kriegerisch sind. Ich mus die klötze und stemme ausrotten, dornen und hecken weg hawen, die pfützen ausfullen und bin der grobe waldrechter, der die ban brechen und zurichten muss. Aber M. Philipps feret seuberlich und still daher, bauet und pflanzet, sehet und begeust mit lust, nach dem Gott ihm hat gegeben seine gaben reichlich."(6)
So erscheint uns der 1497 als Sohn des Plattners oder Rüstmeisters Georg Schwarzerdt in Bretten geborene Philipp, der zeitlebens klein und schmächtig von Gestalt blieb, als wesentlich maßvoller als sein 14 Jahre älterer theologischer Lehrmeister Luther. Wie Melanchthon zu seinem griechischen Namen kam Melanchthon wuchs zusammen mit drei jüngeren Schwestern und einem jüngeren Bruder auf. Schon früh entdeckte man sein sprachliches Talent, schickte ihn auf die städtische Lateinschule, dann zu einem Hauslehrer. Schon im Grundschulalter dürfte er die lateinische Sprache beherrscht haben, und zeitlebens war er um die Pflege eines sauberen Latein, in dem auch alle seine Werke veröffentlicht wurden, bemüht. Latein war für den wissenschaftlichen Diskurs nicht zuletzt deshalb wichtig, da eine einheitliche deutsche Schriftsprache im 16. Jahrhundert überhaupt erst entstand, wozu Luthers Bibelübersetzung einen nicht unwesentlichen Impuls gab. Eine entscheidende Wende nahm Melanchthons Leben 1508. In diesem Jahr starben sein Vater und sein Großvater. Seine Mutter gab ihn und seinen Bruder Georg nach Pforzheim in die Pflege von Elisabeth Reuchlin, einer Schwester des berühmten Humanisten und Herausgebers einer hebräischen Grammatik, Johannes Reuchlin, dessen Wichtigkeit für die Reformation auch das Wormser Reformationsdenkmal bzw. Lutherdenkmal Rechnung trägt, indem es ihn zusammen mit Melanchthon auf den hohen äußeren Sockeln hinter Friedrich den Weisen und Landgraf Philipp platziert. Über ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen Reuchlin und Melanchthon ist viel spekuliert worden, wahrscheinlich bleibt nur eine entfernte Verschwägerung. In Pforzheim besuchte er die Lateinschule des Gelehrten Georg Simler. Johannes Reuchlin nahm regen Anteil an der Bildung des begabten Knaben. Am 15. März 1509 - er war gerade mal 12 Jahre alt - schenkte ihm Reuchlin eine griechische Grammatik mit einer folgenreichen Widmung: Er übersetzte seinen Namen Schwarzerdt (schwarze Erde) ins Griechische: Melanchthon. Dabei sollte es bleiben. Vom begabten Knaben zum Professor Am 14. Oktober 1509 wurde er in der Universität Heidelberg eingeschrieben, danach in Tübingen. Bereits hier machte er sich publizistisch durch eine Terenzausgabe oder auch durch eine Mitwirkung bei den sogenannten "Dunkelmännerbriefen" in der Reuchlinfehde verdient. 1518 nun kam er als Griechischprofessor, durch Reuchlin empfohlen – Luthers erste Wahl war er damals nicht – nach Wittenberg an die junge aufstrebende Universität. Bezeichnender Weise beschäftigte sich schon seine Antrittsrede mit der Studienreform, die er behutsam durchführte und aufgrund derer man ihn auch als einen frühen Schöpfer einer Vorform des humanistischen Gymnasiums bezeichnen kann. Das Studium klassischer Dichtung, die Fächer Dialektik und Rhetorik blieben ihm wichtig, vor allem wichtige Voraussetzungen für das Bibelstudium, auf das sich die Studenten nun allzu schnell und ohne die rechten Grundlagen zu stürzen schienen. Melanchthon lehrte als Professor in der Artistenfakultät, der philosophischen Fakultät, ihr blieb er ein Leben lang treu, auch als er nach Erwerb des Grades eines baccalaureus biblicus im September 1519 zusätzlich mit der Lehrtätigkeit in der theologischen Fakultät begann. Den Doktorgrad erwarb er nie. An seiner Artistenfakultät war das unmöglich, das ging nur an einer der höheren Fakultäten, zum Beispiel der Theologie. Es war ihm wichtig weiter in der philosophischen Fakultät zu lehren. Hier entwickelte sich auch ein spezifischer Unterschied zu Luther. Cicero als Staatslehrer und Rhetoriker blieb ihm immer wichtig, zu Aristoteles und seiner Logik und Ethik fand er, nach anfänglicher Ablehnung im Fahrwasser Luthers, zurück. Publizistisches Wirken für die evangelische Sache Publizistisch bedeutsam geworden sind seine Kommentare zum Römer- und zum Kolosserbrief, seine bereits erwähnten loci communes, seine Lehrbücher zu den alten Sprachen, zur Rhetorik, zur Dialektik, die Confessio Augustana invariata und variata samt Apologie und vieles mehr. Bei der Übersetzung des Alten Testaments war er es, der besonders für die Heranziehung der Septuaginta sorgte (der alten griechischen Übersetzung des AT). Sein Verdienst ist es, das evangelische Bekenntnis in den loci, aber vor allem in der CA systematisch dargestellt zu haben und dafür eine Verhandlungsbasis geschaffen zu haben. Er schafft in diesen Verhandlungen in seinem Bemühen um die Wahrung der Einheit der Kirche den Begriff des Adiaphoron, einer Sache, die für das Heil bedeutungslos bleibt, deren Gebrauch oder Nichtbeachtung für das Seelenheil ohne Unterschied ist, um das griechische Wort wörtlicher wiederzugeben. Dazu zählen Kleidung wie Chorhemd sowie eine ganze Reihe weiterer Gebräuche, die er für unschädlich hält einschließlich kirchlicher Strukturen. So kann er in Augsburg und Worms der anderen Seite durchaus entgegenkommen, in der Rechtfertigungslehre, in der Frage der Austeilung des Abendmahls in beiderlei Gestalt , Gegenüber Messopfer, Totenmesse, Heiligenverehrung, Zölibat, bleibt er an das Zeugnis der Schrift gebunden und kompromisslos. Deshalb sind auch die Verhandlungen in Augsburg (1530 und 1548), Worms(1541 und 1557) und Regensburg(1541) letztlich gescheitert, blieben Versuche unter starkem Einfluss des Kaisers zur Rettung der Einheit der Kirche. Erfolgreich blieb Melanchthon auf evangelischer Seite, indem er 1536 in der Abendmahlslehre durch die Wittenberger Konkordie mit dem Begriff der Aktualpräsenz den der Realpräsenz ablöste, so zwar nicht bei allen Lutheranern und Reformierten Zustimmung bekam, aber auf Dauer tragfähige Kompromisse vorbereitete. Ebenso stellt der so genannte Frankfurter Rezess von 1558 zwar laut Irene Dingel ein "Einigungsdokument ersten Ranges"(8) dar , von den im ernestinischen Sachsen beheimateten Gnesiolutheranern aber wird er nicht anerkannt. Die radikaleren Gnesioluheraner unterscheidet man nicht umsonst von den kompromissbereiteren Philippisten. Erst nach Melanchthons Tod sollte es 1577 in der Konkordienformel eine innerlutherische Einigung geben, die er allerdings kräftig vorbereitet hat. In Sachen Einheit der Kirche ist Melanchthon viel gereist, er, der eigentlich eher sesshaft war. Zur Heirat gedrängt Nachzutragen bleibt seine Hochzeit mit Katharina Krapp, einer Wittenberger Bürgerstochter. Diese Hochzeit war von Melanchthon nicht gewünscht, den Hochzeitstag bezeichnete er als "Tag seiner Trübsale". Katharina Krapp, die sich im übrigen mit Käthe Luther, der wohl besseren Hausfrau, wie Heinz Scheible schreibt, nicht gut verstand, schenkte ihm 4 Kinder, 2 Töchter und 2 Söhne, von denen einer, das 3. Kind, bereits im 2. Lebensjahr starb. Zur Heirat wurde er übrigens durch Luther gedrängt, der sich sehr um seinen Hausstand und die Ordnung darin sorgte.(9) Zu Kompromissen bereit Im Vergleich zu Luther war er in vielen Dingen eher zurückhaltend, und so wie Luther ihn als Leisetreter bezeichnet hat, so hat sich Melanchthon auch manchmal über den schroffen Luther geärgert, der seine kompromisslosen Positionen nach dem Wormser Edikt ja meist aus der sicheren Entfernung abgegeben hat und nicht persönlich unter dem Druck der verhandelnden Politiker und unter dem Erfolgszwang erstrebter Einigung stand. Auch Melanchthon stand unter der Gefahr der Verfolgung, beim Augsburger Reichstag 1547/48 trachteten der Kaiser und sein Bruder Ferdinand ihm nach dem Leben, da sie ihn für die Weigerung Kursachsens, das Augsburger Interim von 1548 zu akzeptieren, mit einigem Recht verantwortlich machten. Im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) war Melanchthon zunächst publizistisch für die Sache des Krieges tätig, riet aber im entscheidenden Moment zur Mäßigung, konnte aber die weitere kriegerische Austragung des Konflikts nicht verhindern, so dass das ernestinische Sachsen nach der Schlacht auf der Lochauer Heide 1547 die Kurwürde und Teile seines Gebietes, vor allem Wittenberg, verlor. Melanchthon blieb in Wittenberg, folgte nicht seinem Herrn Johann Friedrich nach Weimar bzw. die Universität Jena. Er blieb nach Verhandlungen beim neuen Kurfürsten Moritz, dem evangelisch erzogenen Judas von Meißen, der durch seinen Verrat, die Unterstützung des Kaisers erst die Niederlage des Schmalkaldischen Bundes möglich gemacht hatte. Moritz war es dann aber auch, der zusammen mit seinem wichtigsten Theologen Melanchthon viel für die Rettung der evangelischen Sache getan hat. War der Lehrer Deutschlands nun ein Leisetreter? Er war in mancher Hinsicht, so glaube ich, seiner Zeit voraus. So wie das, wofür er gearbeitet hat wie kein zweiter, die innerprotestantische Einigung, die Abendmahlsgemeinschaft, endlich in der Leuenberger Konkordie (1973) verwirklicht wurde, so scheint mir der Begriff der versöhnten Verschiedenheit als Weg zur Ökumene auch durch ihn vorgedacht, nicht zuletzt mithilfe des Begriffs "Adiaphoron". Eine weitere Beobachtung führt mich zum Urteil einer gewissen Modernität Melanchthons. Er war astronomisch und astrologisch sehr interessiert und versiert. Astronomie hatte er bereits in Tübingen studiert. Astrologische "Erkenntnisse" brachten ihn dazu, sich niemals aufs Meer zu wagen. Er lehnte das System des Kopernikus ab, das Hauptwerk des Kopernikus (De revolutionibus orbis coelestium) wird aber nicht zuletzt aufgrund seines Empfehlungsschreibens in Nürnberg gedruckt. Hier zeigt sich im Ansatz die Haltung des toleranten Wissenschaftlers. Josel von Rosheim, der Sprecher der deutschen Juden, von Luther nicht empfangen, brachte Melanchthon dazu, Kurfürst Joachim II. klarzumachen, dass sein Vater 1510 die Juden zu Unrecht wegen eines angeblichen Hostienfrevels hat verbrennen lassen. Josel führte den Erfolg seiner Bemühungen, Juden in Brandenburg wieder zuzulassen, auf Melanchthons Urteil zurück.(10) Dr. Ulrich Oelschläger Weiterlesen Ganzer Aufsatz als PDF-Datei: mehr
Melanchthon als "glühender Humanist"
Friedrich Schorlemmer: "Philipp Melanchthon: 'Den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren'" - mehr Reformation und Demokratisierung
Werner Zager: Wie Martin Luthers Auftritt vor dem Reichstag zu Worms der demokratischen Idee den Weg bereitet hat - mehr Demokratisierung der Bildung und evangelischer Bildungsbegriff
Peter Steinacker über demokratische Bildung in Antike und Reformation und den evangelischen Beitrag zur Bildung  - mehr "Dummheit regiert, wenn Bildung krepiert!"
Barbara Pühl über Martin Luthers Schrift "An die Ratsherren aller Stände deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen" (1524) - mehr Luther-Blog, 23.09.2011
Profil und Kontakt - mehr Anmerkungen Zitiert nach: Heinz Scheible, Melanchthon. Eine Biographie, München 1997, S. 108 Zitiert nach Bettine Reichelt, Philipp Melanchthon. Weggefährte Luthers und Lehrer Deutschlands. Eine biographische Skizze mit Aussprüchen und Bildern, Leipzig 2010, S. 12 Scheible, Melanchthon, S. 144 Scheible, Melanchthon, S. 156 Vgl. Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 20092, S. 181-196 WA 30/2, S. 68f; zitiert bei: Nicole Kuropka, Melanchthon, Tübingen 2010, S.23 Hier kann er nur den freiwilligen Empfang des Kommunikanten in einer Gestalt akzeptieren, nicht aber die Verweigerung des Kelchs durch den Priester. Kuropka, Melanchthon, S. 130 Kuropka, Melanchthon, S. 58 u. Scheible, Melanchthon, S. 38, 149 u. 256-259 Scheible, Melanchthon, S. 123f   Luther Blog

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24.10: "Niemand darf verloren gehen!" - Offener Brief an die EKD-Synode

Fünfmal inklusive Bildung fordert Bildungsjournalistin Brigitte Schumann in ihrem offenen Brief an die EKD-Synode im November 2010. Ihre fünf Thesen greifen das Schwerpunktthema der Synode vom 7.-10. November in Hannover auf: "'Niemand darf verloren gehen!' - Zur Bedeutung der Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit." Brigitte Schumann: Offener Brief an die EKD-Synode
  "Niemand darf verloren gehen!" Die EKD-Synode 2010 hat ihr diesjähriges Schwerpunktthema der Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit unter die Losung "Niemand darf verloren gehen" gestellt.
Ich gehe davon aus, dass die EKD-Synode mit der Forderung "Niemand darf verloren gehen" ihren Anspruch und Maßstab für die Qualität von Bildung in unserer Gesellschaft ausspricht. Damit macht sie es sich zur Aufgabe, die Strukturen und die Lernkultur des deutschen Schulsystems sowie das bildungspolitische Selbstverständnis von Politik und Gesellschaft in unserem Land kritisch und grundsätzlich zu hinterfragen. Dass niemand verloren gehen darf, ist eine radikale Forderung. Sie ist auch in der radikalen Vorstellung des Menschenrechts auf Bildung enthalten. Das Menschenrecht auf Bildung kennt keine individuellen Vorleistungen oder Ausnahmen. Es ist nur an eine einzige Bedingung geknüpft: das Menschsein. Heute finden wir in Deutschland deutliche Diskrepanzen zwischen dem Menschenrecht auf Bildung und seiner realen Umsetzung. Meine nachfolgenden Thesen sind eine Aufforderung an die EKD-Synode, dem Menschenrecht auf Bildung in Deutschland gesellschaftliche und politische Geltung zu verschaffen. 1. Das Recht auf inklusive Bildung gilt für alle Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert explizit die Anerkennung und Realisierung des allgemeinen Menschenrechts auf inklusive Bildung auch für die Gruppe der Menschen mit Behinderungen. Dieses Recht darf keinem Kind vorenthalten oder abhängig gemacht werden von Elternhaus und Einkommen, von sozialer, kultureller und ethnischer Herkunft, von Begabung und Leistungsvermögen, von Behinderung oder Nichtbehinderung. 2. Das Recht auf inklusive Bildung ist vorteilhaft für alle Internationale Erfahrungen und die empirische Bildungsforschung belegen: Gemeinsames Lernen fördert die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung des Menschen. "Learning to live with each other” hat die UNESCO 1999 zum wichtigsten Lernziel des 21. Jahrhunderts erklärt. Unseren Kindern dürfen diese Lerngelegenheiten nicht länger verweigert werden. Vielfalt und Unterschiedlichkeit im gemeinsamen und individualisierten Lernen ist lernförderlich für alle und ermöglicht individuelle Lernerfolge auf hohem Niveau. 3. Das Recht auf inklusive Bildung ist Fundament für eine gerechte Gesellschaft Unser Schulsystem ist von Barrieren geprägt: Kinder mit Behinderungen werden von Kindern ohne Behinderungen getrennt. Schülerinnen und Schülern werden früh auf unterschiedliche Schulformen mit ungleichwertigen Bildungsgängen verteilt. So entsteht soziale Trennung und soziale Ungleichheit wird verschärft.
Eine gerechte Gesellschaft, die die Menschenrechte achtet, ist auf die Struktur und die Lernkultur einer SCHULE FÜR ALLE angewiesen. 4. Das Recht auf inklusive Bildung schließt das Recht auf hochwertige Förderung ein Menschen mit Behinderungen haben ein individuell einklagbares Recht auf inklusive Bildung. Zwangszuweisungen zur Sonderschule/Förderschule darf es ab sofort nicht mehr geben. An die Stelle des Sonderschulsystems müssen inklusive Schulen mit qualitativ hochwertigen Förderstandards treten. Präventive und schulzeitbegleitende Förderung für die am stärksten gefährdeten, benachteiligten und behinderten Kinder ist unabdingbare Voraussetzung. Ebenso die entsprechende Ausstattung der Schulen und die Unterstützung des pädagogischen Personals. 5. Das Recht auf inklusive Bildung und ein gespaltenes Schulsystem widersprechen sich Als Kompromiss in der bildungspolitischen Diskussion zeichnet sich ein zweigliedriges Schulsystem ab, bestehend aus dem Gymnasium und einer zweiten Schulform, die alle anderen bestehenden Schulformen zusammenfasst. Die Politik bedient damit das Interesse von Menschen aus der Mittel- und Oberschicht am Erhalt des Gymnasiums: Bildungsprivilegien sollen weiterhin garantiert werden und der erwünschte Abstand zu den Kindern der Unterschicht und des Prekariats soll eingehalten werden. Wer damit seinen Schulfrieden machen will, opfert das universale Menschenrecht auf inklusive Bildung und etabliert das Recht auf Gymnasium als deutsches Sonderrecht. Wunsch an die Synode: Ein Zeichen setzen Ich wünsche mir einen Beschluss von der Synode, der ein Signal setzt für eine mutige, aufgeklärte, menschenrechtliche Bildungsreform und vielleicht sogar für eine Menschenrechtsbewegung in Deutschland. Im besten protestantischen Sinne. Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte in Nordrhein-Westfalen und engagierte sich viele Jahre politisch als Stadtverordnete und Abgeordnete im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Sie ist heute als freie Bildungsjournalistin in Essen tätig. Ihr Schwerpunkt sind bildungs- und kulturpolitische Themen.
Sie ist Autorin des Buchs "’Ich schäme mich ja so!’ Die Sonderschule für Lernbehinderte als Schonraumfalle" (2007 – mehr).    Weiterlesen Das dreigliedrige Schulsystem - Was aus Humboldts revolutionären Plänen wurde
Brigitte Schumann über Humboldts Pläne und was daraus wurde - mehr Demokratisierung der Bildung und evangelischer Bildungsbegriff
Peter Steinacker, ehemaliger Kirchenpräsident der EKHN, über: Demokratische Bildung und das dahinter stehende Menschenbild,  Gottesebenbildlichkeit und die Verpflichtung zu Bildungsarbeit als Gottes Gebot - mehr Bildungsgerechtigkeit: Jesus und die Kinder
Dr. Jürgen Frank über Jesu Paradigmenwechsel ... - mehr rpi-Wiki: Bildungsgerechtigkeit
Lesetipps zum Thema der EKD-Synode 2010 - mehr "Dummheit regiert, wenn Bildung krepiert!"
Barbara Pühl über Martin Luthers Schrift "An die Ratsherren aller Stände deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen" (1524) - mehr Denkschrift für Einsteiger: Orientierungshilfe Kirche und Bildung
"Wer, was warum?" Fragen und Antworten zur Orientierungshilfe - mehr   Luther-Blog, 25.10.2010
Profil und Kontakt - mehr   Luther Blog

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09.09: Philipp Melanchthon: "Den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren"

Philipp Melanchthon als glühender Humanist traute dem Menschen und der Bildung viel zu. Friedrich Schorlemmer fragt, was uns Melanchthon im Jahr 2010 zu bedenken gibt - und wie Bildung auch die dunkle Seite des Menschen erreichen kann. Den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren
I. Menschenbildung und kulturelle Bildung - von der Heiligkeit des Lehrens und Lernens
II. Was von Melanchthons Ansätzen bedenkenswert bleibt
    Ganzer Aufsatz als PDF-Datei: mehr   I Menschenbildung und kulturelle Bildung - von der Heiligkeit des Lehrens und Lernens   Der folgende Text ist die leicht überarbeitete Fassung der Rede, die der Publizist Friedrich Schorlemmer zum 450. Todestag von Philipp Melanchthon am 19. April 2010 in Wittenberg gehalten hat. Der Artikel wurde zuerst veröffentlicht in "forum Erwachsenenbildung" 1/2010 der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung e.V. (mehr).   Ein 21-Jähriger kommt nach Wittenberg Was da heute als Tageslosung "ausgelost" worden ist, passt trefflich zu Melanchthon. "Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten" (Jesaja 1,17). In dieser kleinen Stadt hat dieser kleine Mann, der 1,50 Meter groß war, Großes bewirkt.
1,50 Meter! Und mit soviel innerer Energie ausgestattet, aber er hat wohl im Unterschied zu Luther zu wenig Bier getrunken. Deswegen ist er ein bisschen trocken. Bei Luther war das anders. Schon wegen des Sinngenusses. Er ist ein völlig anderer Typ. Da kommt so ein ganz kleiner Wicht hierher nach Wittenberg, hält mit 21 Jahren - also was heißt hier Juniorprofessor heute? - eine atemberaubende Vorlesung, ist so klein, so schmächtig und hat einen Sprachfehler ... Das Gemeinwesen als Laterne, die himmlische Lehre als das Licht Er entwickelt sein wissenschaftliches Programm. Größe bemisst sich eben nicht an Körpergröße. In seiner späteren Rede, zur ersten feierlichen Promotion von Doktoren der Theologie in Leipzig 1543, sagte er - nein, er sagte es nicht: Er war der Redenschreiber für den Hebraisten dort. Das gab es damals auch schon. Er selbst hat die Rede dort nicht gehalten - aber der sie gehalten hat, hat großen Applaus bekommen. Er galt dem Autor aus Wittenberg! Wir müssen uns einmal vorstellen: Unsere Politiker hätten heute solche Redenschreiber! Er ließ durch den Hebraisten Burkhard Ziegler u. a. sagen:
"Wenn ich über das gemeinschaftliche Leben nachdenke und mir nachts zuweilen ein Diener mit einer leuchtenden Laterne vorangeht, dann kommt mir oft in den Sinn, daß die Gemeinwesen der Laterne gleichen, die himmlische Lehre aber dem Licht. Und wie die Laterne bei Dunkelheit ohne Licht nutzlos ist, so sind auch die festen Mauern der Städte unnütz, wenn die Erkenntnis Gottes und die Lehre von den guten Dingen erlischt."
Also, was nutzt es, wenn wir uns äußerlich schützen und drinnen ist nix.
"Groß und bewundernswert ist Gottes Schöpfungswerk, jedoch nicht weniger die Wohltat, daß er sich selbst enthüllte und zu den Menschen kam und sich freundlich mit uns unterhielt." Erkennen, dass sich Gott freundlich mit uns unterhält Melanchthon versteht die ganze Schrift, den Kanon der Bibel als eine freundliche Unterhaltung Gottes mit den Menschen! Deswegen sagt er: "Wir sind dazu geboren, zum wechselseitigen, Erkenntnis fördernden, freundlichen Gespräch."
Man braucht also, um im Bild zu bleiben, funktionierende Gehäuse für das Licht, dass es leuchten kann, aber die Gehäuse sind nicht das Licht. Das Studium der Schrift, also der überlieferten Zeugnisse, die in jeder Generation neu angeeignet werden, angeeignet werden müssen, weckt die Erkenntnis, dass Gott sich freundlich mit uns unterhält. Ja nun, in welcher Sprache hat er das denn gemacht?
Da sind wir schon bei dem Problem, das Philippus sein Leben lang bewegt hatte: Welches ist die richtige und zutreffende Sprache, wie lernen wir richtig sprechen und wie hilft die Sprache uns, exakt Wirklichkeit so wiederzugeben, dass sie der Wirklichkeit nahe kommt und zwar so, dass wir erst einmal erkennen, was ist und nicht zuerst fragen, "Was können wir damit machen?", sondern "Was ist es eigentlich?" Auch der Mensch soll zunächst nach sich selbst fragen. Deswegen das Grundstudium, das wir heute wieder haben, aber nur ganz anders gedacht, nämlich so, dass alle Studenten vorher die sogenannten "schönen" Künste als erstes lernen müssen, bevor man zu den praktischen Wissenschaften kommt. Wissenschaft und Kunst als humanisierende Kräfte Er wollte den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren. Auch das wie ein Euphemismus, so wie man heute sagt: Man kann es noch vervollkommnen, man kann es noch verbessern, oder wir sind schon gut aufgestellt, aber wir sind noch nicht da, wo es hin soll.
Melanchthon aber hat damit gemeint: den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren, ja, - aber es war nichts da, er hat nichts gemehrt, aber gesagt, das muss gemehrt werden und nicht etwa: Wir wollen es noch besser machen, als es schon ist. Geradezu unerschütterlich glaubt Melanchthon an die humanisierende Kraft von Wissenschaft und Kunst. Insbesondere von der Weite und Tiefe des klassischen griechisch-römischen Denkens und der Aneignung der biblischen Zeugnisse war er überzeugt. Melanchthon greift, wie in der Renaissance üblich, auf die sieben schönen Künste zurück, die der Erkenntnis und nicht der Verwertung dienen.
Weil das so ist, also weil diese Wissenschaft und Kunst in ihrer weiteren Tiefe erfasst werden müssen, deshalb gilt es: Zurück zu den Quellen! Bildung führt den Menschen zu sich selbst, zueinander und zu Gott Von jüdisch-christlicher Tradition ebenso geprägt wie von griechisch-römischer Sprachkultur und Bildung hatte Melanchthon die Bildung des Menschen an die erste Stelle gesetzt und das ausgehend von seinem Onkel Reuchlin, einem der großen humanistischen Denker. Aber das war ja alles in einer Gegend Deutschlands, die sich ohnehin für gebildet hielt. Alles, was nördlich des Mains war, galt ja denen, die südlich waren, sowieso schon als barbarisch. Aber dann auch noch östlich der Elbe, also Wittenberg, es muss für ihn schon ein unglaublicher Akt gewesen sein, aus der Kulturgegend Deutschlands hierher in den barbarischen Nord-Osten zu kommen. Das ist ja auch so geblieben. Also die Bildung führt den Menschen zu sich selbst, zueinander und zu Gott. Und Bildung ist weit mehr als Wissen, gar mehr als das Handhabbare, das intellektuelle und das instrumentelle Wissen.
Für Melanchthon gibt es auch noch nicht die später einsetzende Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften. Er hatte immer das Ganze der Wirklichkeit im Blick, was sich insbesondere in seiner Vorlesung über das Herz zeigt. Ein Theologe, der eine wissenschaftliche Vorlesung über das Herz hält, also das ist heute undenkbar. Und dann darüber, was das Herz für den Menschen bedeutet, und zwar mehr, als das, was heute der Kardiologe dabei sich denkt. Jene verheerende Trennung, insbesondere seit dem sich durchsetzenden Subjekt-Objekt-Schema des Descartes, war noch nicht vollzogen. Die Schule als Veredelungsanstalt Melanchthon sieht die Schule als eine Art Paradies an und der lernende Adam, der da anfängt im Paradies - was macht der als Erstes? Er gibt den Dingen erst einmal einen Namen. Also wenn ich Pferd sage, dann weiss der andere auch: aha, Pferd. Dann erst lässt sich überhaupt etwas verabreden, erst wenn man es sprachlich benennt und dann auch kategorisiert. Die Eiche und der Baum - das ist ja dann das große philosophische Problem später zwischen den Realisten und den Nominalisten, also was ist wichtiger: der Baum oder die Eiche? Also das Abstraktum für alle Bäume, oder diese Eiche dort? In der Politik und in der Ethik dann später: Sind wichtiger die Menschen oder der Mensch? Und eine Gesellschaft, die die Menschen und die Menschheit erlösen will, macht es immer auf Kosten des Menschen. Aber eine Gesellschaft, die nur den Menschen als einzelnen will, vernachlässigt die Gemeinschaft, in der wir schließlich auch füreinander verantwortlich sind, wo nicht jeder nur fragen kann, wie er nur zu seinem Recht kommt. Also Adam ist der glücklichste Mensch, sagt er. Wenn Melanchthon von der Jugend als dem Saatgut des Staates spricht, so versteht er sich selbst als jemand, der im Seminar mit jungen Leuten tätig ist. Und Seminar bedeutet schließlich nichts anderes als Pflanzschule oder Baumschule, also die kunstvolle Veredlungsanstalt (lat. seminare: Säen). Kunstvoll einander veredeln, so dass dann also nicht die Wildkirsche, sondern diese richtig schöne große saftige Sauerkirsche draus wird.
Kant hatte später einmal formuliert: "Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss. Unter Erziehung nämlich verstehen wir die Wartung, Disziplin und Unterweisung nebst der Bildung. Demzufolge ist der Mensch Säugling, Zögling und Lehrling." Vernunft lernen für das menschliche Überleben Säugling - Zögling - Lehrling! "Die Tiere gebrauchen ihre Kräfte, sobald sie diese nur als solche haben, regelmäßig, das heißt in der Art, daß sie ihnen nie selbst schädlich werden. Ein Tier ist schon alles durch seinen Instinkt. Eine fremde Vernunft hat bereits für dasselbe gesorgt." Also eine Vernunft steht dahinter, dass das so ist.
Der Mensch aber braucht eine Vernunft. Das Problem, das Melanchthon auch schon erkannt hat, ist, dass der Mensch einige Instinktgebundenheit verloren, aber noch nicht genug Vernunft dazu gewonnen hat. Wir Menschen sind einerseits noch ganz Naturwesen, andererseits schon Vernunftwesen. Wir Menschen im 21. Jahrhundert wissen wohl, dass Bildung eine lebensdienliche und orientierende, eine Gefahren anzeigende und Grenzen setzende Boje ist, aber eben keine Garantie gegen Barbarei abgibt. Tiere sind natürlicherweise so konditioniert, dass sie instinktmäßig sich so verhalten, dass der Lebenskreis, in dem und von dem sie leben, erhalten bleibt. Der Mensch, der die Maßstäbe vorloren hat, verliert auch die Mehr-Generationen-Perspektive. Seine Bildung ist allenfalls eine Boje, aber keine Garantie gegen Barbarei, also gegen Stranden und auf Grund laufen. Der Öltanker in den Korallenriffen vor Australien ist nur ein Symbol für eine verfahrene Wirklichkeit, für eine alle Bojen überfahrendes Verhalten gegenüber der Natur, die vom Menschen - gedankenlos vernutzend und an Eigeninteressen fixiert - beherrscht und dabei zerstört wird.
Wir sprechen jetzt schon von großem Glück bei diesem Tanker. Doch die Korallenriffe brauchen trotz der Verhinderung "des Schlimmsten" zwanzig Jahre, mindestens, bis sie sich wieder erholt haben. Wie aber wäre es gewesen, wenn der Tanker auseinandergebrochen wäre? Und der Kapitän kriegte eine Strafe von 20.000 Euro. Das sind die Dimensionen struktureller Verantwortungslosigkeit. Wir wissen wohl, wie Kunst den Menschen veredeln kann, wie aus Natur Kultur wird und die Kultivierung im Grunde ein weiser Umgang mit der Natur ist. Kultivierung ist weiser Umgang mit der Natur unter Berücksichtigung der Gesetze der Natur, sie erkennend und dann nutzend. Der bewusste Entschluss, erwachsen und mündig zu werden Christa Wolf reflektierte 1972 in ihrem großen Essay "Lesen und Schreiben" über die humanisierenden Wirkungen von Prosa. Sie schreibt: "Aber um einen innersten Verdacht auszusprechen: Vielleicht liegt den Menschen, die heute da sind, nicht wirklich - oder nicht genug - daran, als Gattung zu überleben; vielleicht genügt ihnen die Aussicht auf ein relativ ungestörtes Dasein für eigene Lebensdauer? ... In der Natur der Dinge oder in der biologischen Natur des Menschen liegt der Humanismus nicht. Er wird uns nicht angeboren. Jedes Individuum muss neu erkennen, was die Gesellschaft in Jahrtausenden als höchste, mühsamste, am meisten gefährdete Leistung hervorgebracht hat. Kein Instinkt verbietet ihm, wie den meisten Tierarten, die Tötung der Artgenossen... Werden die fünf oder sechs Milliarden Lebewesen, die um das mysteriöse Jahr 2000 herum aller Wahrscheinlichkeit nach die Menschheit repräsentieren werden, Lebensformen finden können, auf die das altmodische Wort "brüderlich" passt? ... Die bürgerliche Ideologie hält den stromlinienförmig konstruierten Menschen für unvermeidlich, der der Technik den geringsten Widerstand entgegensetzt, unbegrenzt anpassbar, unbegrenzt austauschbar ist, dem Freude und Trauer aus mechanischen Reizungen bestimmter Gehirnpartien zufließen; dem schließlich auch Leben nur noch als ein großes ALS OB - zugänglich ist: Klischees konsumieren, zwischen künstlichen Reizen existieren, die man sich selbst verschreibt. Dies, ein geschichtsloser Zustand, wäre zugleich das Ende der Geschichte, das Ende jeder Bindung der Menschheit an ihre Wurzeln und jeder Hoffnung auf eine Zukunft. ... Prosa soll versuchen, den Kontakt der Menschen mit ihren Wurzeln zu erhalten, das Selbstbewusstsein zu festigen, das so labil geworden ist, daß in hoch technisierten Ländern viele Menschen in den Selbstmord oder in die Sackgasse der Neurosen flüchten. ...
So bleibt der schmale Weg der Vernunft, des Erwachsenwerdens, der Reife des menschlichen Bewusstseins, der bewusste Schritt aus der Vorgeschichte in die Geschichte. Bleibt der Entschluss mündig zu werden..." (Christa Wolf, "Lesen und Schreiben", Aufsätze und Betrachtungen 1972, Seite 220 ff.) Kulturelle Bildung bietet keine Garantie Wir mussten mit großem Erschrecken zur Kenntnis nehmen, dass die Musik Mozarts im Hause des kinderliebenden Rudolf Höss, des Lagerkommandanten von Auschwitz, eine große Rolle spielte. Und der Massenmörder Karadzic ist von Beruf Psychiater und Lyriker, ein fromm-orthodoxer dazu, der auch noch nach seinen Verbrechen den höchsten Orden seiner serbisch-orthodoxen Kirche für seine geistliche Lyrik bekommen hatte. Deutsche Soldaten in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts hatten Hölderlin und Nietzsche im Tornister. "Der Pianist", jener so tief bewegende Film um das Warschauer Ghetto, macht das ganze Dilemma menschlicher Existenz unter Extrembedingungen deutlich. Kultur ist eine Boje, keine Garantie. Und Kultur heißt nicht, Sinfonien gehört und viele gelehrte Bücher gelesen zu haben. Kultur ist eine Lebensform; sonst gerät sie zur tödlichen Schizophrenie. Max-Frisch schrieb 1948 in Hamburg in sein Tagebuch: "Der Begriff Kultur - eine der großen, dringenden Fragen, die mich immer wieder beschäftigt haben. Eines geht sicher nicht, daß man Kultur reduziert auf Kunst, daß ein Volk sich einredet, es habe Kultur, weil es Sinfonien hat.
Zu den entscheidenden Erfahrungen, die unsere Generation, geboren in diesem Jahrhundert, aber erzogen noch im Geiste des vorigen, besonders während des Zweiten Weltkrieges, hat machen können, gehört wohl die, daß Menschen, die voll sind von jener Kultur, Kenner, die sich mit Geist und Inbrunst unterhalten können über Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Bruckner, ohne weiteres auch als Schlächter auftreten können; beides in gleicher Person. Nennen wir es, was diese Menschen auszeichnet, eine ästhetische Kultur. Ihr besonderes, immer sichtbares Kennzeichen, ist die Unverbindlichkeit, die säuberliche Scheidung zwischen Kultur und Politik, oder: zwischen Talent und Charakter, zwischen Lesen und Leben, zwischen Konzert und Straße. Es ist eine Geistesart, die das Höchste denken kann (denn die irdische Schwere werfen sie einfach über Bord, damit der Ballon steigt) und die das Niederste nicht verhindert, eine Kultur, die sich strengstens über die Forderung des Tages erhebt, ganz und gar der Ewigkeit zu Diensten. Kultur in diesem Sinn, begriffen als Götze, der sich mit unserer künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistung begnügt und hintenherum das Blut unserer Brüder leckt, Kultur als moralische Schizophrenie ist in unserem Jahrhundert eigentlich die landläufige. ... Wenn Menschen, die die gleiche Erziehung genossen haben wie ich, die gleichen Worte sprechen wie ich und gleiche Bücher lesen, gleiche Musik, gleiche Gemälde lieben wie ich - wenn diese Menschen keineswegs gesichert sind vor der Möglichkeit, Unmenschen zu werden und Dinge zu tun, die wir den Menschen unserer Zeit, ausgenommen die pathologischen Einzelfälle, vorher nicht hätten zutrauen können, woher nehme ich die Zuversicht, daß ich davor gesichert sei?" (Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, Seite 239 ff.) Bildung, Kultur und Politik müssen in Wechselwirkung kommen Max Frisch schärft ein, dass Kunst mit Politik und mit dem realen Verhalten von Menschen als Menschen in der Polis zu tun hat. Politik darf nicht schlechterdings als das Niedrige, das Ordinäre, das Alltägliche verstanden werden, womit sich der geistige Mensch nicht beschmutzen soll. Politik muss kulturvoll und die Kultur muss politikfähig sein und bleiben, wenngleich immer mit einem Überschuss. Kultur ist zuerst die gemeinschaftliche Grundhaltung jedes einzelnen Staatsbürgers. Bildung und Kultur können helfen zu entgröbern, zu sensibilisieren, empfindsamer und mitempfindungsbereiter, gewissensgeschärfter zu machen, gefahrenbewusstes Wissen schärfen, statt die Gefahr nur immer beim Feinde zu wittern. Und so kann der Mensch durch das Studium der Geschichte, aber auch durch die Dramen der Literatur, die die Dramatik des Lebens aufgreifen, verdichten und vertiefen, etwas erkennen und dabei auch zur Herzensbildung beitragen. Übrigens gehört auch der Sport genauso dazu wie die Musik. Sport hilft nicht nur, das Herzinfarktrisiko zu vermindern, sondern ist auch Teil des Kampfes gegen die Herzensverhärtung, sofern Sport Fairness-Regeln enthält und einhält. Wer in der DDR groß geworden ist, erinnert sich vielleicht an das berühmte Bild, auf dem Wladimir Iljitsch Lenin versonnen der Appassionata von Beethoven lauscht. Gorki berichtet in seiner Hommage auf Lenin davon, wie dieser einer Beethoven-Sonate lauschte und sagte:
"Ich kenne nichts besseres als die Appassionata, ich könnte sie jeden Tag hören. Eine erstaunliche, eine nicht menschliche Musik. Ich denke immer voller Stolz, der vielleicht naiv ist: was für Wunder können die Menschen vollbringen!" Und mit zusammengekniffenen Augen und einem kurzen Lachen fügte er nicht besonders fröhlich hinzu:
"Doch kann ich die Musik nicht oft hören, sie greift die Nerven an, man möchte liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln... aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln - die Hand wird einem abgebissen, man muß auf die Köpfe einschlagen, mitleidlos einschlagen, obwohl wir, unserem Ideal nach, gegen jede Gewaltanwendung gegenüber Menschen sind." ( in: Gorki "Erinnerungen an Zeitgenossen", Suhrkamp Seite 212) Menschliche Größe sehen - und das Dunkel in uns wahrnehmen Melanchthon war, wie der gesamte Humanismus des 16. Jahrhunderts, mehr noch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts sowie die humanistische Psychologie des 20. Jahrhunderts, so zuversichtlich, optimistisch und selbstgewiss, dass der Mensch für den Menschen das höchste Wesen sei und dass Literatur und Kultur überhaupt zu Entgröberung, zur Sensibilisierung, zur Gewissensschärfung, zur Herzensbildung, zu gefahrenbewusstem Wissen durch Geschichte - und Drama - führen würde. Der große Zivilisationsbruch der Nazizeit mit Hitler, Goebbels und Himmler an der Spitze, aber auch die Großverbrecher Stalin, Mao und Pol Pot machen uns sehr viel zurückhaltender und demütiger im Blick auf das, was wir durch Zivilisierung wirklich erreichen können. Und doch bleiben Kunst und Kultur unersetzbare Mittel gegen das, was Melanchthon "Skytisierrung" nennt. Um auf Luther und Melanchthon zurückzukommen: Im Streit zwischen dem humanistischen Menschenbild eines Erasmus und dem christlichen Menschenbild eines Luther liegen nicht Welten; es ist die eine Welt! Wir sind gemahnt, das Dunkel, das in uns lauert, wahrzunehmen.
Luther sah den Menschen als Reittier, nicht als Reiter. Und fragte: Wer oder was reitet ihn? Wer oder was reitet uns? Brechts Fragen aus der Dreigroschenoper bleiben,
"daß er vergessen kann,
daß er ein Mensch doch ist.
Denn wovon lebt der Mensch?
Von Missetat allein!" "Wage es, weise zu sein!" In diese menschliche Grund-Situation hinein sind die Einlassungen Melanchthons über den glückhaften Umgang mit der Jugend und ihrer Bildung, wie seine Leiden an den bildungsresistenten jungen Leuten zu sehen. Für Melanchthon hatte alles eine religiöse Dimension, zusammengefasst in einem Satz:
Gott und alles, was sonst gut ist, bekannt zu machen, den Glanz der Künste und Wissenschaften zu mehren, Wahrheit und Gerechtigkeit zu erforschen und zu verbreiten. Das ist die Heiligkeit des Lehrens und Lernens. Keine Menschlichkeit ohne Mündigkeit, keine Mündigkeit ohne Bildung. Keine Wahrheit und kein Friede ohne die Fähigkeit zum Dialog - nach allen Regeln der Dialektik und der Rhetorik.
Kein Lernen aus der Geschichte ohne die Göttin der Erinnerung, die Mutter der Musen. Erinnerung aber gepaart mit Wahrhaftigkeit und Mut. Sapere aude! Wage es, weise zu sein! Das war sein Wahlspruch. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. So übersetzt später Immanuel Kant diesen Wahlspruch der Aufklärung. Melanchthon hat einen vornehmen Platz in der Ahnengalerie der Aufklärung. Die europäische Aufklärung hat sein Erbe fortgesetzt und radikalisiert. Ich komme auf den Anfang meiner Überlegungen zurück: Was bleibt von Melanchthons Ansätzen für eine zeitgemäße Menschenbildung bedenkenswert? II. Menschenbildung: Was Melanchthon uns zu bedenken gibt   01. In jedem Lehrer muss die Liebe zur Wahrheit glühen, um den Schülern und Studenten Lust zu machen, die schönen Wissenschaften kennenzulernen. 02. Krieg und Gewalt sind immer Feinde der Wissenschaft.
(Deutschland war von jeher in den Waffen erfahrener als in den Wissenschaften gewesen. Sogar Karl der Große hatte, als er die Grenzen des römischen Reiches befriedet hatte, alles getan zur Hebung der Kultur) 03. Man soll sich mit den Quellen der europäischen Kultur, wie sie insbesondere durch die Griechen gelebt worden sind, beschäftigen, statt mit Epigonalem Zeit zu vertun.
"Schöpft die Quellen des Wissens", ruft er den Studenten zu, "lernt Mathematik, Poetik und die Redner, Grammatik, Dialektik, die Rhetorik, durch die man sich im Reden und Denken schult." 04. Eine Trennung in Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften ist dann misslich, wenn sie nicht von einer Philosophie überwölbt wird, wo Sittenlehre und Geschichte sowie die Göttin der Erinnerung einfließen, wenn man denn Menschen haben will, die ein Staatswesen richtig leiten können. 04. Bildung braucht die Kenntnis der Natur (also Wissen) und die Bildung des Charakters (also Selbstbildung). Dazu ist das Studium der Geschichte unentbehrlich.
Aus der Geschichte kann man erkennen, was schön, was hässlich, was nützlich und was unnütz ist. 06. Orientierungswissen ist nötig, um das auszuwählen was zu wissen nützlich ist und wie man das Wertlose aussondert. Dazu gehört ein großer Kraftaufwand, denn das Gute und Schöne sind gewöhnlich schwer zu finden und brauchen allen Eifer. 07. Jeder solle wagen zu wissen und alles zu tun, um der großen Not unseres Jahrhunderts zu wehren. 08. Bildung hilft einem Gemeinwesen, in seinen Sitten und dem allgemeinen Empfinden sanfter und gleichsam gezähmter zu werden - immer der Gefahr ins Auge sehend, durch barbarische Sitten verwildert zu werden oder irgendwie etwas Rohes zu atmen sich anzugewöhnen. 09. Eine allseitige und eine vertiefte Bildung zugleich sind Voraussetzungen für ein gedeihliches Zusammenleben in einem Gemeinwesen, das christlichen Grundsätzen entspricht. 10. Das Christliche bedarf immer der geistigen Weitung und der geistlichen Substanz. Friedrich Schorlemmer, geboren 1944, ist evangelischer Theologe, Publizist und war aktiv in der oppositionellen Bürgerbewegung der DDR. Er erhielt 1993 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Weiterlesen Ganzer Aufsatz als PDF-Datei: mehr
Reden, Aufsätze, Predigten von Friedrich Schorlemmer: mehr Reformation und Demokratisierung
Werner Zager: Wie Martin Luthers Auftritt vor dem Reichstag zu Worms der demokratischen Idee den Weg bereitet hat - mehr Demokratisierung der Bildung und evangelischer Bildungsbegriff
Peter Steinacker über demokratische Bildung in Antike und Reformation und den evangelischen Beitrag zur Bildung  - mehr "Dummheit regiert, wenn Bildung krepiert!"
Barbara Pühl über Martin Luthers Schrift "An die Ratsherren aller Stände deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen" (1524) - mehr Luther-Blog, 09.09.2010
Profil und Kontakt - mehr Luther Blog

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24.06: Reformation und Demokratisierung

Martin Luther und Philipp Melanchthon als Schrittmacher der Demokratie? Werner Zager erklärt, warum die "Sternstunde protestantischer Freiheit", als sich Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms weigerte, seine Schriften zu widerrufen, der demokratischen Idee den Weg bereitet hat. Inhalt:
1. Die Freiheit des Glaubens
2. Protestantisches Bildungsverständnis
    Ganzer Aufsatz als PDF-Datei: mehr Bei Martin Luther und Philipp Melanchthon demokratisierende Tendenzen festmachen zu wollen, wird gewiss zunächst befremden. Man braucht sich nur die ablehnende Haltung der beiden Wittenberger Reformatoren gegenüber den "Zwölf Artikeln" der Bauern wie überhaupt deren Positionierung im Bauernkrieg zu vergegenwärtigen. Anders sieht es freilich aus, wenn wir die reformatorische Zielsetzung menschlichen Lebens uns vor Augen führen. Melanchthon zufolge ist das gesamte Leben auf "Frömmigkeit und Bildung" auszurichten. Im Sinne Luthers müsste man wohl eher von Glauben als von Frömmigkeit reden. Freilich hat hier auch der Begriff der Frömmigkeit seine Berechtigung, kann doch als Zielsetzung menschlichen Lebens Glaube nicht als punktuelles Geschehen verstanden werden. Glaube muss vielmehr täglich gelebt und bewährt werden.   1. Die Freiheit des Glaubens   Glaube als Gewissenssache Entscheidend ist nun, dass Glaube nicht verordnet oder einfach übergestülpt werden kann. Glaube ist Sache des Einzelnen, ist Gewissenssache. Ob oder wie beziehungsweise was einer glaubt, das gilt von anderen respektiert zu werden.
Um mit Melanchthon zu sprechen: "Es ist keinem Menschen, weder Vater noch Mutter noch irgendeiner geistlichen oder weltlichen Obrigkeit, nicht dem Papst zu Rom noch dem Kaiser noch dem König, irgendeinem Menschen in seinem Glauben und in seinem Gewissen Gewalt anzutun" (Birnstein, 2010). So darf es als eine Sternstunde der Reformation betrachtet werden, als Luther am 18. April 1521 auf dem Reichstag zu Worms unter Berufung auf sein Gewissen es ablehnte, seine Schriften zu widerrufen: "Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift oder klare Vernunftgründe [ratione evidente] überwunden werde - denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, sintemal es am Tage ist, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben - so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann ich und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist." Deutsch fügte er noch hinzu: "Gott helfe mir, Amen!" (Loewenich, 1982). Sternstunde protestantischer Freiheit Es war eine Sternstunde protestantischer Freiheit, als sich Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521 weigerte, seine Schriften zu widerrufen, solange er nicht durch Zeugnisse der Schrift oder klare Vernunftgründe überwunden würde. Damit hatte Luther in Frage gestellt, dass irgendeinem einzelnen Menschen oder einer kirchlichen Instanz hinsichtlich des Glaubens eine letzte und in bestimmten Fällen zugleich unfehlbare Autorität zukomme. Und mit dieser Infragestellung löste er eine für die Kirchengeschichte des Abendlandes einzigartige Bewegung aus. Martin Luther bestritt schlicht, dass menschliche Autoritäten verbindliche Glaubensinhalte für alle Christen festlegen und vorschreiben dürfen. Alle kirchliche Lehre sollte sich vielmehr allein an der Bibel ausrichten. Bibel als alleinige Autorität Natürlich war sich auch Luther bereits dessen bewusst, dass die Bibel nicht ein in sich stimmiges, widerspruchsfreies Buch ist. Er erkannte sehr wohl, dass die einzelnen Schriften der Bibel auch unterschiedliche, teils entgegengesetzte Botschaften beinhalten. Dennoch erklärte Luther die Bibel zu der alleinigen Autorität, mit deren Hilfe man Gottes Wort hören, erkennen und weitergeben könne. Dadurch wurde dem einzelnen Christen eine große Freiheit eröffnet: Er sollte die Bibel selbst lesen dürfen, und zwar in seiner eigenen Sprache, genauso sollte er Gottesdienste feiern und Lieder singen dürfen, deren Sprache und Inhalt er verstehen konnte, und er sollte glauben dürfen, was er mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren konnte. Prüfen und überzeugen in Dialog und Diskussion Zugleich gab Luther mit seinem Bekenntnis auf dem Reichstag zu Worms zu erkennen, dass seine Haltung nicht irreversibel sei. Für aus der Bibel geschöpfte Gründe oder Argumente der Vernunft zeigte er sich offen, diese zu prüfen und sich gegebenenfalls auch überzeugen zu lassen. Damit ist ein Wesensmerkmal einer jeden demokratischen Ordnung erreicht: Keiner sollte seine eigene Meinung absolut setzen und als unhinterfragbar ausgeben. Vielmehr entspricht es der demokratischen Idee, sich einer offenen Diskussion zu stellen, in der das Für und Wider unterschiedlicher Optionen untereinander ausgetauscht und abgewogen wird.
Zwar ist auch in der Demokratie nicht gewährleistet, dass sich stets die am besten begründete Position durchsetzt, da die Mehrheit entscheidet. Aber derjenige, der überstimmt worden ist und daher die Mehrheitsentscheidung zu achten hat, darf weiterhin für seine Überzeugung eintreten.   2. Protestantisches Bildungsverständnis   Bildung als Anschluss an vorherige Generationen ... Was die zweite Zielsetzung menschlichen Lebens nach reformatorischer Auffassung - die Bildung - betrifft, so maß Melanchthon ihr einen hohen Stellenwert für das menschliche Verhalten bei. Soll sich dieses nicht lediglich von unmittelbaren Eindrücken und Eingebungen leiten lassen, kommt es darauf an, sich mit dem auseinanderzusetzen, was Menschen vor uns dachten und lehrten, für bedeutend und wegweisend hielten, welche Hoffnungen und Erwartungen sie bestimmten. Dass es hier zunächst mühsamer Aneignungsprozesse bedarf, dies ist heute nicht anders als zu Zeiten der Reformation. Jedoch geht es dabei nicht um bloßes Kopieren und Nach-Sprechen. Das wäre noch keine Bildung - weder in humanistischem noch in demokratischem Sinne. Vorgegebenes sich anzueignen, schließt mit ein, dieses zu durchdenken. Und auf einer solchen Basis ist es möglich, selbst weiter zu denken, das heißt eigenständig zu denken und folglich auch dementsprechend zu reden und zu handeln. ... unter Nutzung des eigenen Urteilsvermögens: "Sapere aude!" Wie wichtig dies Melanchthon war, zeigt sich daran, dass er seine programmatische Wittenberger Antrittsvorlesung mit dem Horaz-Wort beschloss: "Sapere aude!" Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen (vgl. Fink 2000)! Hieran konnte die Aufklärung nahtlos anknüpfen. Es war kein Geringerer als Immanuel Kant, der 1784 eben dieses Zitat des lateinischen Dichters an den Anfang seiner "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" stellte (vgl. Brandt 1999). Mut zum eigenen Denken heute besonders aktuell Der von Reformation und Aufklärung eingeforderte Mut zum eigenen Denken hat an Aktualität nichts eingebüßt. Er ist meines Erachtens in unserem heutigen demokratischen Staat besonders aktuell - in einer Zeit, in der sich Menschen immer mehr aus der politischen Verantwortung in ihre private Nische zurückziehen, in der die etablierten Parteien häufig die Bereitschaft zu einem offenen Dialog über kontroverse Fragen vermissen lassen, sei es in den eigenen Reihen (so wird auf den einzelnen Abgeordneten häufig ein "Fraktionszwang" ausgeübt, während er laut Grundgesetz, Art. 38 "als Vertreter des ganzen Volkes an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur seinem Gewissen unterworfen" sein soll), sei es bei der Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in politische Entscheidungsprozesse.
Die Demokratie wird da gelebt, wo die Mündigkeit des Einzelnen nicht untergraben, sondern anerkannt und zur Geltung gebracht wird. Dialog zwischen Volksvertretern und Volk nötig Das demokratische Prinzip wird verfehlt, wo an die Stelle eines wirklichen Dialogs zwischen Bürgern und Politikern ein Monolog der gewählten Volksvertreter tritt, die in leuchtenden Farben sowohl ihre bisherigen Erfolge preisen als auch ihre politischen Lösungskonzepte vorstellen, ohne echtes Interesse an den Bedürfnissen, Erfahrungen, Einsichten und Ideen der Bürger. Ein Dialog setzt vielmehr die Bereitschaft auf beiden Seiten voraus, eigene Positionen und Sichtweisen hinterfragen zu lassen, selbst zu hinterfragen und gegebenenfalls auch zu verändern. Bürgerinnen und Bürger müssen spüren, dass von Seiten der Abgeordneten ihre Meinung ernst genommen wird. Gemeinschaft der Lernenden Das eigene Denken zu fördern, ist die vornehmste Aufgabe von Schule und Universität in einer Demokratie, welche sich - um mit Melanchthon zu sprechen - als "Gemeinschaft der Lernenden" (Schwab 1997) verstehen. Treffend formulierte der Praeceptor Germaniae, der Lehrer Deutschlands, in seiner "Rede über das Lob des schulischen Lebens" von 1536: "Zwei Werke sind besser und göttlicher als alles, das dem menschlichen Wesen zugehört: die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Beide zu erforschen und zu entfalten, ist den Schulen anvertraut" (Schmidt 1989).   Werner Zager, geboren 1959, Dr. theol., ist außerplanmäßiger Professor für Neues Testament am Fachbereich Evangelische Theologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau. In seiner Freizeit widmet sich der ausgebildete Organist gerne der Musik. Weiterlesen Ganzer Aufsatz als PDF-Datei: mehr Vertiefung protestantischen Freiheitsverständnisses - Literaturhinweis
Das Buch "Martin Luther und die Freiheit", Darmstadt 2010 (Hrsg. Werner Zager - mehr), dokumentiert die Vorträge der Wormser Tagung "Martin Luther und der Freiheitsgedanke" vom 19. bis 21. Juni 2009.
Es möchte zum einen dazu beitragen, Luthers Freiheitsverständnis in seinen biographischen, theologie- und geistesgeschichtlichen Bezügen herauszuarbeiten. Thematisiert werden hier Luthers Auftreten vor dem Reichstag zu Worms, die Kontroverse zwischen Luther und Erasmus um die Willensfreiheit sowie die Spannung zwischen theologischer Innovation und konservativem Beharren bei Luther und Philipp Melanchthon.
Zum anderen wird die Wirkungsgeschichte von Luthers Freiheitsverständnis in den Blick genommen und danach gefragt, welche Bedeutung der von Luther vertretenen christlichen Freiheit für uns heute zukommt - sei es für den einzelnen Christen oder für die Kirche insgesamt. Weiterhin wird die Freiheitsthematik religionsphilosophisch beleuchtet - sei es dass Luthers Bedeutung für den Deutschen Idealismus herausgestellt wird, oder sei es dass Luthers Religionsbegriff für den interreligiösen Dialog fruchtbar gemacht wird.
Dem Tagungsort Rechnung tragend, wird der Leser/die Leserin schließlich auf eine Suche nach Luthers Spuren in Worms mitgenommen. Außerdem:
- Werner Zager, Bildung - eine Aufgabe der Kirche? Überlegungen zum Bildungsverständnis in evangelischer Perspektive, in: Deutsches Pfarrerblatt, 104. Jg., H. 6 (Juni 2004), S. 316-319
Online lesen: mehr
- Werner Zager (Hg.), Liberales Christentum. Perspektiven für das 21. Jahrhundert, Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 2009, S. 179-188. Verlagsinformation: mehr Demokratisierung der Bildung und evangelischer Bildungsbegriff
Peter Steinacker über demokratische Bildung in Antike und Reformation und den evangelischen Beitrag zur Bildung  - mehr "Dummheit regiert, wenn Bildung krepiert!"
Barbara Pühl über Martin Luthers Schrift "An die Ratsherren aller Stände deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen" (1524) - mehr Luther-Blog, 24.06.2010
Profil und Kontakt - mehr Luther Blog

Link: http://www.evangelisch.de:80/themen/blogs/luther-blog/2010/06/24/reformation-...

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