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Nachhaltiges Lernen – statt trägem Wissen!

Um Kompetenzen - also abrufbares und anwendbares Wissen - zu erwerben, ist nachhaltiges Lernen notwendig. Der gewohnte Unterricht leistet das oft nicht - und so bleiben große Teile unseres schulischen Wissens passiv. Was gehört zu einem vollständigen Lernprozess?

Die Nürnberger sind auf die Idee mit dem Trichter gekommen. Generationen lang haben sich Schulkinder Bücher unters Kopfkissen gelegt. Sciencefiction-Autoren haben Module erfunden, die Lernwillige sofort mit dem entsprechenden Knowhow versorgen, z.B. einer Fremdsprache.
Hinter diesen Ideen steht das Bedürfnis und Interesse, Lernstoff in persönliches Wissen umzuwandeln und als Kompetenz zu integrieren. Wie funktioniert das nun wirklich? Und warum ist das im Fach Religion von Bedeutung?

Vollständiger Lernprozess: Lernen, so dass man damit viel anfangen kann!

Auch Religion hat viel mit Lernen zu tun, wie alle Schüler/innen zu ihrem Leidwesen erfahren müssen. Ist religiöses Lernen anders als Mathematik-Lernen? Experten in der Gehirnforschung sind der Ansicht, dass Lernen ein sehr dynamischer Prozess ist - ganz gleich in welcher Disziplin. Die wesentliche Aufgabe des Gehirns ist aus Informationen Sinn zu machen, um unseren Handlungsspielraum zu vergrößern. Fakten, Begriffe, Regeln, Theorien sind bedeutungslos und werden bald wieder vergessen, wenn sie nicht in ein sinnstiftendes Schema - unser Weltbild - eingebaut und in verschiedenen Situationen angewendet werden können. Dies ist nur durch einen vollständigen Lernprozess zu erreichen.

Gerade für den Religionsunterricht ist der vollständige Lernprozess besonders wichtig, denn die Lernenden sollen "religiöse Kompetenz" entwickeln, also ihre Religion in Alltagssituationen anwenden können. Dies wird nicht dadurch erreicht, dass sie die Inhalte des Lehrplans wiedergeben können. Sie brauchen ein religiöses Weltbild, das ihre Handlungen orientiert und ihnen die notwendigen Elemente bereitstellt mit denen sie Alltagsprobleme lösen und sich mit moralischen Dilemmata und ethischen Fragen auseinandersetzen können.  

 
1. Warum ein vollständiger Lernprozess wichtig ist

Im Unterricht werden meist nur einige Schritte im Lernprzess durchlaufen - und so bleibt ein großer Teil unseres schulischen Wissens passiv: Es kann abgerufen und in bekannten Situationen angewendet werden, ist aber selten so vernetzt, dass es in völlig neuen Situation kreativ genützt werden kann. Man bezeichnet es als träges Wissen.

Dazu einige Beispiele:

  • Wir alle haben etwas über Elektrizität gelernt, aber wenige von uns sind fähig eine Taschenlampe oder ein Transistorradio zu basteln oder ein einfaches elektrisches Gerät zu reparieren.
  • Wir alle haben in der Schule eine oder mehrere Fremdsprachen gelernt, aber nur wenige haben ohne Auslandsaufenthalt eine hohe kommunikative Kompetenz erworben.
  • Wir alle haben mathematische Formeln anzuwenden gelernt, aber wenige von uns können Alltagssituation mit einem mathematischen Modell beschreiben.
 
Damit wir neues Wissen auch kompetent anwenden können, müssen wir einen vollständigen Lernprozess durchlaufen. Dazu gehören sechs Elemente, die insbesondere bei schwierigen und komplexen Lernsituationen wiederholt durchlaufen werden müssen:


























2. Die Elemente eines vollständigen Lernprozesses
 
  • Motivation und Lernwille
    Kleine Kinder schauen mit großen, neugierigen Augen in die Welt und wollen alles erforschen. Wie lässt sich dieser Lernwille bei Jugendlichen und Erwachsenen wieder wecken?
    Die wichtigsten Beweggründe zum Lernen sind Neugier, Interesse und das Bewusstsein des Machbaren. Wir müssen etwas Neues lernen wollen und glauben, dass wir dazu fähig sind.
    Was dabei hilft: Wenn sich das Lernen an unseren Wünschen und Erwartungen orientiert. Wenn wir Bezüge zu unserer eigenen Lebens- und Erfahrungwelt herstellen können. Wenn wir uns unsere Fähigkeiten bewusst machen und uns klare Ziele setzen. Gemeinsam lernen, sich mit Gleichgesinnten austauschen, anderen etwas beibringen - all das unterstützt unseren Willen zu lernen.
    Ebenso motiviert periodisch über die Lernprozesse nachzudenken und die Lernfortschritte zu dokumentieren. Unterstützung bieten Instrumente zur Selbstreflexion und Rückmeldungen von Personen, in deren Kompetenzen wir Vertrauen haben.
     
  • Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten
    Lernen ist fast nie einfach. Wir werden mit Unbekanntem konfrontiert, das oft schwer einzuordnen ist. Dabei müssen wir lieb gewonnene und vertraute Ideen überdenken.

    Jean Piaget unterscheidet zwischen Assimilieren und Akkommodieren von neuen Informationen. Wenn die neuen Ideen oder Handlungsmuster zu unserem Repertoire im Kopf passen, können sie relativ unproblematisch in unsere Denkstrukturen eingebaut - oder assimiliert - werden. Stimmt das Neue nicht mit unseren Erfahrungen überein, muss unser tradiertes Wissen analysiert, hinterfragt und umgeordnet werden, damit sich unser Denken und Handeln der neuen Realität anpassen kann. Das Neue wird akkommodiert.

    Es gilt also Strategien zu entwickeln, mit denen wir neues Wissen verankern können. Wenn wir unser Vorwissen aktivieren, können wir die neuen Informationen sinnvoll in unser Weltbild einordnen. Dabei hilft es mit komplexen Denkstrategien wie Analyse, Synthese und Evaluation das Vorwissen aufzubereiten. Die neuen Fakten, Ideen, Konzepte und Handlungsmuster können dann mit Hilfe systematischer Prozesse, wie die dem Herausarbeiten von Mustern, der Aufstellung von Regeln und dem Erkennen von allgemeinen Prinzipien, mit dem Vorwissen verknüpft und zu neuen konzeptuellen Einheiten gestaltet werden.
    Der Austausch mit anderen unterstützt diese Prozesse ganz wesentlich.
     
  • Klarheit und Verstehen
    Klarheit und Verstehen sind das Resultat erfolgreichen Assimilierens oder Akkommodierens. Wir können sicher sein, neue Sachverhalte verstanden und neue Handlungsmuster verinnerlicht zu haben, wenn wir sie in verschiedenen Situationen anwenden können und wenn wir fähig sind, sie einer anderen Person in unseren eigenen Worten zu erklären.
    Dies erreichen wir vor allem durch die Lösung von Aufgaben, bei denen wir handelnd eingebunden sind. Die systematische Reflexion über Lösungsprozesse und Rückmeldungen zu den Lernprodukten tragen dazu bei, dass wir Klarheit und Sicherheit gewinnen.
     
  • Übung und Festigung
    Nach neuesten Erkenntnissen ist Wissen erst dann bewusst abrufbar, wenn es im Gedächtnis verankert ist. Informationen kommen über die Sinnesorgane zuerst in einen sensorischen Speicher. Wenn sich unsere Aufmerksamkeit auf die Information richtet, wird sie in einen Kurzzeitspeicher transportiert, in dem die Sinneseindrücke geordnet werden. Durch Bewusstmachen und Üben kommt die Information ins Langzeitgedächtnis, wo es in das vorhandene Wissen eingeordnet (assimiliert oder akkommodiert) wird.

    Die periodische Anwendung des Gelernten in verschiedenen Situationen ist daher ein wesentlicher Lernfaktor. Das Üben mit neuen Denk- und Handlungsmustern spielt vor allem eine große Rolle bei der Transformation von trägem Wissen zu handlungsorientierten Kompetenzen. So können Handlungsabläufe und Denkprozesse automatisiert und das Gelernte verfügbar gemacht werden.
     
  • Bewusstmachen des Gelernten
    Gehirnforscher/innen stellen sich vor, dass es verschiedene Speichersysteme gibt: Im episodischen Gedächtnis werden Erlebnisse nach persönlicher Relevanz und mit den damit verbundenen Gefühlen gespeichert. Manche Sinneseindrücke werden in einem sehr alten Teil des Gedächtnisses im Stammhirn gespeichert, in dem über die verschiedenen Sinne schon erlebte Situationen wieder hervorgerufen werden können. Eher neutrale Fakten kommen in einen deklarativen Wissensspeicher, während Begriffe, Modelle, Konzepte und Theorien in einem semantischen System gespeichert werden. Bewegungs- und Handlungsabläufe kommen ins prozedurale Gedächtnis. Im Metawissensspeicher wird das Gelernte bewusst gemacht. Das Metawissen hilft uns unser Tun zu bewachen, zu steuern und zu bewerten.

    Wenn wir unser neu erworbenes Wissen nutzbringend anwenden wollen, ist es nicht genug, die Informationen durch Übung im Langzeitgedächtnis zu speichern. Sie müssen auch vernetzt und abrufbar sein. Diese beiden Aktionen werden durch metakognitive Überwachungs- und Kontrollvorgänge gesteuert. Dies gibt dem Metagedächtnis eine privilegierte Stellung bei der Entwicklung von Kompetenzen, denn nur mit Hilfe der Bewusstmachung der Lernprozesse und des Gelernten können wir Einsichten und Urteilsvermögen aktivieren. Erst wenn wir uns der Bedeutung des Gelernten klar werden und beurteilen können, wie und in welchen Situationen es anwendbar ist, sind wir fähig, es in der Praxis dann auch abzurufen. Die meisten dieser Denkprozesse werden durch wenig strukturierte, kooperative Aufgaben und die Lösung von realen Problemen aktiviert und unterstützt.

    Selbstreflexion und Rückmeldungen sind ebenso wesentlich für die Aktivierung metakognitiver Prozesse. Sie können uns dabei unterstützen, die Anforderungen der Lernaufgaben zu klären, unsere bereits vorhandenen Kompetenzen einzuschätzen, Lernstrategien zu planen und zu entwickeln und unsere Lernprozesse und Lernergebnisse zu beurteilen.
     
  • Kreative praktische Anwendung
    Mit dem Transfer, also der kritischen und kreativen Anwendung des Gelernten in unterschiedlichen neuen Situation, ist der Lernprozess abgeschlossen. Je öfter wir Gelegenheit haben, Elemente des Gelernten anzuwenden, desto sicherer werden wir im Umgang mit neuen Informationen und desto kreativer werden wir in der Sichtung und Auswahl von Anwendungsmöglichkeiten.


Wenn wir uns diese Lernschritte bewusst machen, wird klar, dass Lernen bis zur Entwicklung von Kompetenzen ein komplexer Prozess ist, der viel Zeit beansprucht und nur mit konkreten Handlungen im Erlebnisfeld des Lernenden erreicht werden kann. Deutlich wird auch, wie wesentlich Austausch und Zusammenarbeit mit anderen und die konkrete Anwendung in realen Situationen sind. Erst wenn die jungen Menschen mit dem erworbenen religiösen Wissen ihre Welt - wenn auch minimal - verändern können, werden sie sich für religiöse Erziehung engagieren.


3. Die sechs Elemente als Analysekriterien

Die sechs Elemente des vollständigen Lernprozesses können von Lehrenden als Kriterien verwendet werden, um Unterrichtsmethoden und Lerninstrumente zu überprüfen und gezielt einzusetzen:

  • Vermittelt die Methode träges Wissen oder ist sie fähig Engagement und Begeisterung für religiöse Ideen zu wecken?
  • Werden Austausch und Zusammenarbeit effektiv zum Lernen benützt?
  • Können die Schüler/innen mit dem neuen Wissen etwas Sinnvolles anfangen?
 
Julia Born verwendet die sechs Elemente des vollständigen Lernprozesses, um eine innovative Methode des Online-Lernens, die e-Xpedition-Methode, darauf hin zu untersuchen und stellt uns ihre Einschätzung vor: mehr ....

Januar 2006
Dr. Ilse Brunner

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