Im Dilemma der Notengebung einen guten Weg finden
Auch Portfolios werden beurteilt und bewertet! Verstehen wir uns recht: Natürlich wird auch in der Portfolio-Arbeit bewertet und beurteilt. Ziel solcher Prozesse ist es, dass die Einsichten des Schülers oder der Schülerin mit anderen Ansichten, Meinungen und Überzeugungen konfrontiert, durch erneute Selbstreflexion vertieft, verändert, in neue Zusammenhänge gebracht und mit wesentlichen Bedeutungen versehen werden. Das kann nur unter der Voraussetzung geschehen, dass der Austausch von den Lernenden als konstruktiv und hilfreich erlebt wird. Noten tragen aus verschiedenen Gründen eher nicht dazu bei (mehr ...). Im normalen Schulalltag finden sich Lehrkräfte, die mit Formen des selbst bestimmten Lernens arbeiten wollen, in einem Dilemma:
Qualitätsraster Qualität ist kein objektiver Begriff. Was als gute oder schlechte Qualität gesehen wird, hängt von den Kriterien und Indikatoren ab, die uns wichtig erscheinen und von den Maßstäben, die wir an die Arbeit innerhalb dieser Kriterien anlegen. Qualitätsempfinden ist kein naturgegebenes Talent, es muss systematisch entwickelt werden. Wenn Schülerinnen und Schüler selbst Qualitätsgesichtspunkte sehen und entwickeln lernen sollen, erfordert dies intensive inhaltliche Gespräche über Lernprozesse und Lernprodukte. Das Entwickeln von Qualitätskriterien wird zum Prozess, an dem Unterrichtende und Lernende gemeinsam beteiligt sind und bei dem alle lernen. Ich lade Sie ein, diesen Prozess ein Stück kennen zu lernen anhand eines Beispiels aus dem Geschichtsunterricht in einer Hauptschule in Österreich. Erfahrungen der Kolleginnen in Österreich 1. Der erste Beurteilungsbogen Die Schülerinnen und Schüler hatten die Aufgabe, einen Familienstammbaum zu konstruieren. Die Lehrkräfte erstellten das erste Qualitätsraster gemeinsam mit den Klassen. Dabei wurden die bisherigen Erfahrungen berücksichtigt, die die Beteiligten bei ihrer Arbeit gemacht hatten: - Der Stammbaum konnte zwei- oder dreidimensional gestaltet werden. - Einige Schüler kamen mit wirklich guten Ideen für das Projekt (sie bauten Häuser, in denen aus den Fenstern die Familienmitglieder der verschiedenen Generationen schauten; sie brachten Bäumchen in denen die Familienmitglieder wie Früchte hingen etc.) Andere fanden nichts Eigenes und wurden zu Nachahmern. - Einige arbeiteten ganz allein, andere baten Erwachsene um Hilfe. Im untenstehenden Raster wird deutlich, welche Sorgen sich die Schülerinnen und Schüler bei den Qualitätsüberlegungen machten und welche Kriterien wahrscheinlich von den beiden Lehrerinnen beigesteuert wurden. Das letzte Kriterium wurde erst bei der Präsentation der Stammbäume von den Schülern aufgestellt, als ein Schüler einen fantastischen Computerausdruck vorstellte, der alle sehr beeindruckte, bei dem sich aber herausstellte, dass der Vater die Arbeit gemacht hatte.
Die Zeichen "+", "0" und "-" stehen für "sehr gut", "gut" und "gerade noch akzeptabel". Alles was als darunter qualifiziert wurde, wurde den Schülerinnen und Schüler zur obligatorischen Überarbeitung zurückgegeben. Natürlich konnten auch alle anderen Schülerinnen und Schüler bis zu einem festgesetzten Zeitpunkt ihre Arbeit verbessern, sodass im Prinzip alle Arbeiten mit einem "sehr gut" abgeschlossen werden konnten. Da die Schülerinnen und Schüler - gefangen in der Notenfalle - unbedingt Noten wollten, erfanden sie einen Schlüssel, um für sich den Transfer zu Noten zu machen. Sie gingen davon aus, dass in Geschichte eine 4 im Zeugnis, also "genügend" für viele Kinder akzeptabel war. Deshalb machten sie den Transfer von drei Leistungsstufen zu vier Noten. Transfer zu Noten 1 = Sehr gut: alle Kriterien mit + 2 = Gut: mindestens ein Kriterium mit + und vier im o Feld, oder zwei +, zwei o und ein -; 3 = Befriedigend: alles o oder vier o und ein - 4 = Genügend: mehr Kreuzchen im - 2. Beurteilungsraster im nächsten Jahr Im nächsten Jahr, als die Lehrerinnen schon dazu gelernt hatten, wurden einige Kriterien aus dem Raster herausgenommen und als Vorbedingung für eine gelungene Arbeit gesehen. Zwei Überlegungen brachten sie dazu: - Eine Arbeit/ein Lernprodukt, das öffentlich ausgestellt werden soll muss den formalen Kriterien eines Ausstellungsstückes gerecht werden. Also werden nur solche Arbeiten zugelassen, die die Minimalanforderungen eines Ausstellungsstücks erfüllen. - Im Geschichtsunterricht gibt es inhaltliche und prozesshafte Qualitätskriterien, die erfüllt werden müssen. Nur diese sollten bei der Bewertung der Produkte eine Rolle spielen. Die Arbeiten werden nur angenommen, wenn sie folgende Bedingungen erfüllen: Vorbedingungen für eine akzeptable Arbeit
Das neue Raster für die eigentliche Bewertung sah dann so aus:
An diesem Beispiel lässt sich erkennen, dass Qualität nicht sofort klar einsichtig ist. Jedes dieser Raster wurde detailliert mit den Schülerinnen und Schüler besprochen und ihre Fragen wurden mit Beispielen beantwortet: Was ist eine originelle Idee? Was tue ich, wenn meine Familie keinen Quellen hat? Was sind denn geschichtliche Informationen, die ich beim Erforschen meines Stammbaums finden kann? Wie kann ich die Generationenfolge klar darstellen, wenn ich ein Dorf bauen will und in jedem Haus eine andere Familie unserer Verwandtschaft leben soll? 3. Beurteilungsraster mit Noten Raster sind die Basis für Reflexionen und Rückmeldungen - also schriftliche Richtlinien zur Orientierung von Portfoliogesprächen. Um aus Rastern Noten zu gewinnen, kann man pro Kriterium eine Note geben und diese dann zusammenzählen oder mit Punkten arbeiten. Dies können wir wiederum am Beispiel des Rasters für den Familienstammbaum verdeutlichen.
3.1 Mit Noten pro Kriterium arbeiten Wenn alle vier Kriterien gleichwertig sind, ist es einfach eine transparente Note zu bekommen: SchülerIn, eine oder zwei FreundInnen und LehrerIn geben für jedes Kriterium eine Ziffernnote von 1, 2, oder 3, je nachdem wie sie die Qualität, die in den Zellen beschrieben wird, einschätzen. Wenn es Unterschiede bei der Einschätzung gibt, muss in einer "Notenkonferenz" Konsens zwischen den Beurteilern hergestellt werden. Es ist nicht akzeptabel, dass einfach das Mittel aus den vier Einschätzungen genommen wird. Wir wollen intersubjektiv gerecht sein und müssen deshalb unsere Note mit Argumenten verteidigen, welche die Schülerinnen und Schüler überzeugen. Natürlich kann es auch sein, dass wir von den Argumenten der Schülerinnen und Schüler überzeugt werden. Die Noten für die vier Kriterien werden zusammengezählt und durch vier geteilt. Dies gibt die Endnote. 3.2 Mit Punkten arbeiten Im obigen Beispiel ist es zu vertreten, dass das letzte Kriterium mehr Gewicht hat als die anderen, weil es ein fundamentales Verständnis über Geschichte belegt. Haben die Kinder die Beziehungen innerhalb der Generationen und zwischen den Generationen verstanden? Dies ist wesentlich für den Geschichtsunterricht, während das erste Kriterium die Fähigkeit zeigt, ein abstraktes Verständnis in ein konkretes Produkt zu verwandeln und die zwei mittleren Kriterien methodischer Natur sind, wobei die Methode des Datensammelns wichtiger ist als zusätzliche Informationen zu finden. Die Lehrkraft kann also mit den Schülerinnen und Schülern über die Wertigkeit sprechen und gemeinsam mit ihnen den verschiedenen Zellen Punkte zuordnen. Die Punkte können dann mit einem Schlüssel zu Noten zusammengefasst werden. Das könnte so aussehen:
Notenschlüssel: 1 = Sehr gut = 41-33 Punkte 2 = Gut = 32-20 Punkte 3 = Befriedigend = 19-13 Punkte Auch bei dieser Methode ist der Konsens am wichtigsten. Wenn die Einschätzungen der MitschülerInnen und der Lehrkraft mit den Einschätzungen der Beurteilten übereinstimmen bzw. wenn sie von den Einschätzungen der anderen überzeugt werden können, dann werden sie die Note als gerecht empfinden. Beurteilen und bewerten kann zum konstruktiven Teil des Lernprozesses werden! So, nun haben wir gemeinsam den Prozess der Kriterienentwicklung und Bewertung, wie er gegangen werden kann, verfolgt. Vielleicht sind Sie mit mir einer Meinung, dass auf diese Weise Beurteilung und Bewertung zu einem sehr konstruktiven und motivierenden Teil des Lernprozesses werden kann. Sie sind eingeladen, sich mit Kolleginnen oder Kollegen zusammen zu tun, und sich gemeinsam mit ihnen und Ihren Schülerinnen und Schülern auf diesen Lernweg zu machen! Mai 2006 Weiterlesen:Dr. Ilse Brunner
Literatur:
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