Themenportfolios und Arbeitsmappen bewerten
Thomas Häcker unterscheidet in seiner Habilitationsschrift zwischen Prozessportfolios und Produktportfolios.
Reflexionen und Rückmeldungen, Qualitätsraster und Kompetenzraster sowie intensive Portfoliogespräche sind unterstützende Maßnahmen, um den SchülerInnen die Arbeit zu erleichtern und ihnen die gebührende Anerkennung zu geben. Die beste Form der Anerkennung ist jedoch das Portfolio selbst. Die gelungene Arbeit zeigt den SchülerInnen wozu sie fähig sind und gibt ihnen ein tiefes Gefühl der Befriedigung. Der Vorteil der Arbeitsmappen ist außerdem, dass wir als LehrerInnen einen tiefen Einblick in die Denk- und Erfahrenswelt jedes einzelnen unserer Lernenden bekommen. Ohne den Leistungsdruck der Noten entwickeln sich Leistungsfreude und Forscherdrang. Die SchülerInnen fangen zaghaft an, in ungewohnte Richtungen zu denken und über Fehler und Irrwege zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Es ist schade, dass dieses lustvolle Arbeiten von dem Zwang Noten zu geben gestört wird, denn die Qualität der Lernprozesse und der Lernprodukte wird dadurch negativ beeinflusst. Die SchülerInnen gehen weniger kognitive Risiken ein und trauen sich nicht ihre Kreativität auszuleben. Die Vielfalt ihrer Talente wird nicht genützt, da die SchülerInnen wegen der Noten nur Lernpfade betreten, die sie schon beherrschen, Fehler möglichst vermeiden und nicht wagen ungewohnte Aufgaben anzugehen. Den schulischen Anforderungen gerecht werden: Die Benotung des Themenportfolios "Vom ersten Moment an, als ich vom Portfolio erfahren habe, habe ich mich bemüht in dieser Sache einen Sinn zu erkennen, was mir bis jetzt leider nicht gelungen ist. Weder die Schüler aus .... noch irgend jemand anders hat es geschafft mir zu erklären, wozu es nützlich sein soll, Selbstreflexion schriftlich festzuhalten, um diese anschließend von irgendjemand benoten zu lassen. Ich glaube die Welt, in der wir leben, ist ohnehin viel zu sehr auf Noten und Bewertung fixiert, und das sage ich nicht nur, weil ich oftmals negativ benotet werde, sondern weil ich es für wichtig empfinde, jeden Menschen mit seinen individuellen Stärken und Schwächen zu sehen und nicht auf eine bestimmte Note zu reduzieren." (Gymnasiast zum Thema: Portfolio mit Noten, Südtirol) Ich habe mir lange überlegt, wie ich ein Themenportfolio zu einer Forschungsfrage mit Noten bewerten würde. Ich bin zu folgenden Einsichten gekommen: Das Themenportfolio dokumentiert den Lernzuwachs innerhalb eines gegebenen Themas, und die Note soll etwas über die Qualität des Produktes aussagen, das den Lernzuwachs dokumentiert. Im Folgenden habe ich wichtige Gesichtspunkte zusammengestellt für den Fall, dass eine Notengebung unverzichtbar scheint. 1. Notenalternativen Zuerst würde ich mir noch einmal Gedanken machen, ob es wirklich notwendig ist gerade auf das Portfolio Noten zu geben. Es gibt andere Möglichkeiten im Fach Religion Noten zu geben, und das Portfolio könnte als Versuch und Lernerfahrung zumindest zu Anfang ausgeklammert werden. 2. Qualitäts- und Kompetenzdiskussionen Ich würde eine erste Portfolioarbeit dazu verwenden, um den SchülerInnen dabei zu helfen, ihre Kompetenzen in folgenden Bereichen zu entwickeln: - in der Reflexion über die eigene Arbeit, - in der Rückmeldung zu Arbeiten der Mitschüler/innen, - im Erkennen von Qualität und - in der Erstellung von Qualitätsrastern 3. "Not Quality Yet" Wenn ich aus irgend einem Grund gezwungen werde das Portfolio zu benoten, würde ich auf jeden Fall die Regel des "Not Quality Yet" verwenden. Das heißt, ich würde mit den SchülerInnen ein Raster wie das unten stehende zur Feststellung der Qualität entwickeln und es wie folgt verwenden:
4. Umgang mit Formanforderungen In der Arbeitswelt wird viel Wert auf Form gelegt. Bewerbungen mit Eselsohren, Fettflecken, schlechter Schrift und Rechtschreibfehlern werden sofort in den Papierkorb geworfen. Das Genie des Kandidaten hat keine Chance gewürdigt zu werden. Schüler/innen sollten von klein auf verstehen und akzeptieren: Öffentliche Produkte müssen den formellen Erwartungen der Öffentlichkeit entsprechen. Ich würde auf jeden Fall alle Formanforderungen vor der Benotung klären. Dabei würde ich argumentieren, dass ein Beurteilungsportfolio ein öffentliches Produkt ist und von mir nur gelesen wird, wenn es den Ansprüchen eines öffentlichen Produktes gerecht wird. Also, alles was mit leserlicher Schrift, Rechtschreibung, Sauberkeit und Gestaltung der Mappe zu tun hat, muss als Vorbedingung für ein akzeptables Portfolio angesehen werden. Ich könnte mir vorstellen mit den SchülerInnen eine Liste mit Voranforderungen zu erstellen, in denen die Erwartungen transparent gemacht werden. Nur Portfolios, die diesen Erwartungen entsprechen, dürfen zur Benotung eingereicht werden. 5. Umgang mit Arbeitsverhalten Ebenso sollten Fleiß, Konzentration, Umgang mit Arbeitsmitteln, selbstständiges Arbeiten, Teamarbeit und anderes Arbeitsverhalten auf die Benotung des Portfolios keinen Einfluss haben. Diese Verhaltensweisen können während der Portfolioarbeit bewertet und gemeinsam reflektiert und verbessert werden, sie sind aber nicht Teil des Portfolios als Endprodukt des Lernprozesses und sagen nichts über seine Qualität aus. Unabhängig vom Portfolio können diese Verhaltensweisen sehr wohl auch mit Noten bewertet werden, wenn man sich davon etwas verspricht. Meine Erfahrung (und die vieler Lehrer/innen und Unterrichtsforscher/innen) sagt mir aber, dass Selbstreflexion und Rückmeldung einen stärkeren positiven Einfluss auf Verhalten haben als Noten. 6. Die Qualität der Arbeiten und Reflexionen Im Prinzip ist es möglich, einzelne Arbeiten in einem Portfolio zu benoten. Bei Jahresportfolios ist dies auch für einige ausgewählte Produkte angebracht. Bei einem Themenportfolio zu einer Forschungsfrage (wozu sich das ePortfolio besonders eignet!) würde ich die Produkte, die in das Portfolio kommen, aus folgenden Gründen nicht bewerten:
7. Lernebenen Carol Ann Tomlinson hat Lernebenen zusammengestellt, kluge Fragen, die den Lernenden auf den verschiedenen Ebenen weiterhelfen können. Es geht hier dabei um gute Informationsquellen für diese Frage, wesentliches Vokabular bzw. Fachausdrücke, die die SchülerInnen beherrschen sollten, wesentliche Muster, Regeln, Prinzipien, Gesetzmäßigkeiten, die die SchülerInnen entdecken sollten, Fragen, mit denen ich die SchülerInnen zu persönlichen Urteilen / Einstellungen bringen kann und Gelegenheiten, bei denen die SchülerInnen dieses Wissen anwenden können. Wenn ich genügend Zeit habe und meine SchülerInnen die nötige Reife haben, würde ich mit ihnen über die Lernebenen reden, weil ich überzeugt bin, dass sie wichtig sind. Wenn wir gemeinsam die Ebenen systematisch durchgehen, können mir die SchülerInnen Beispiele aus dem Bereich ihrer Forschungsfragen als Illustration zu den Ebenen nennen. In manchen Fällen wird die letzte Ebene - die Anwendung des Wissens im Alltag - für jede einzelne Forschungsfrage nicht leicht zu beantworten sein. Dann schlage ich vor, dass wir diese Frage nach der Vollendung und Vorstellung der Portfolios für das ganze Thema gemeinsam beantworten. 8. Raster zur Selbst- und Fremdbeurteilung Das unten stehende Raster, das ich als Beispiel ausgearbeitet habe, wird in der Realität sicher ganz anders aussehen, denn ich würde es natürlich gemeinsam mit meinen SchülerInnen erstellen. Vielleicht haben die Kinder ganz andere Qualitätskriterien in ihren Köpfen. Vielleicht haben sie sich auch noch nie Gedanken über Qualitätskriterien gemacht. Dann müssen die Kriterien sicher vereinfacht werden. Dieses Raster soll also nur zur Orientierung dienen. Es sollte je nach Alter, Reife und Erfahrung mit der Bewertung von offenen Unterrichtsformen den Bedürfnissen der SchülerInnen angepasst werden. Ich habe mein Raster mit den folgenden Kriterienbereichen ausgearbeitet: - eine Liste der Inhalte und Reflexionen - die Beantwortung der Forschungsfrage - die verschiedenen Lernebenen - die Beziehung der Forschungsfrage zum Thema Wenn ihr mit euren SchülerInnen nicht über die Lernebenen gesprochen habt, sollten die Kriterien 5, 6 und 7 aus dem Raster weggelassen werden. Ich würde aber das Kriterium 8 im Raster behalten, weil ich möchte, dass jeder Schüler und jede Schülerin sich eine Meinung zu den Forschungsergebnissen bilden. Qualitätsraster als Basis für eine Note
Notenschlüssel für die Endnote 1.0 - 1.6 = Note 1 1.7 - 2.6 = Note 2 2.7 - 3.0 = Note 3 Im allgemeinen gibt es für 1.0 - 1.4 die Note 1, von 1.5 - 2.4 die Note 2 und von 2.5-3.0 die Note 3. Ich habe mich bewusst dafür entschieden diese Intervalle etwas zu verschieben, weil ich einige Varianten durchgerechnet habe und ihnen meine eigene Wertung gegeben habe. Genauer wäre wohl eine Punkteverteilung. Diese ist jedoch sehr arbeitsaufwändig und für jüngere SchülerInnen vielleicht nicht transparent genug. Mai 2006 Weiterlesen:Dr. Ilse Brunner
Literatur:
methoden onlinelernen schule primarstufe sekundarstufe1 sekundarstufe2 Verwandte Links | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Impressum–Kontakt–Support & Hilfe | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
