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http://www.weltreligionen-und-mystik.de
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Gerhard Tersteegen
Kurzer Bericht von der Mystik
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Sie
verlangen zu wissen, was man eigentlich durch die Mystik oder mystische
Theologie verstehe. Ich antworte: Das kann keiner recht sagen oder er muss
selbst ein Mystikus sein, und keiner gebührend verstehen, wo er nicht selbst
auf dem Wege ist, ein solcher zu werden. Ich
bin zu gering, nur dasjenige zu unterschreiben, was jene (vor der Welt
verhasste, vor Gott und allen Kennern aber) große Männer und teure Zeugen
Gottes unter den Protestanten, ein Arnold und Poiret, von dieser Materie gründlich
und reichlich bezeuget haben. Sie wollen aber doch auch meine
Gedanken wissen. Würde
ich Ihnen nun sagen, mystisch sei dasjenige, was David Psalm 51 die Wahrheit im
Verborgenen, die heimliche Weisheit nennet und es sei die verborgene geheime
Weisheit, von welcher Paulus nur zu den Vollkommenen reden konnte (l Kor
2,6.7), dann würde Ihre Antwort sein: das lautet zwar mystisch genug, allein
ich weiß doch nun noch nicht, worin die Mystik besteht. Sagte
ich (und so ist es ganz eigentlich die Wahrheit), die Mystik sei nichts anders,
als die christliche Gottseligkeit in ihrer besten Kraft, Schönheit und Völligkeit,
dann würden Sie sagen: Nun, das lautet schön, aber man erkläret mir darum
noch nicht, worin die Sache besteht. Antworte
ich endlich: Werden Sie dann selbst ein Mystikus, dann verstehen Sie erst, was
es für eine Sache sei: so ist's eben das, was ich schon anfangs geantwortet und
sage nur, was Sie tun sollen, um die Sache recht zu erkennen; Sie sind aber
dabei nicht weiter als Sie bisher gewesen und verstehen nicht mehr als Sie
bisher verstanden. Ich will dann sehen, ob ich mich näher erklären kann. Die
Mystiker machen keine besondere Sekte aus, sie haben keine von andern
christlichen Parteien unterschiedene Lehrsätze: so wenig als die Kinder Levi
(deren Erbteil der Herr war, 5 Mos 10,9) ein eigenes Land und eine von den
andern Stämmen Israels unterschiedene Religion hatten, sondern unter allen Stämmen
zerstreut lebten. Unter
den Römisch-Katholischen, unter den Protestanten, in der griechischen Kirche
können Mystiker sein, ohne Präjudiz ihrer besonderen Lehrsätze und Religionsübungen.
Ich will damit nicht sagen, dass uns alle Religionsparteien gleichgültig sein müssen.
Keineswegs! Zuvörderst müssen alle zur Seligkeit erforderliche Grundwahrheiten
ihre Richtigkeit bei uns haben; in allem übrigen ist ein jeder im Gewissen
verpflichtet, so zu glauben und so zu handeln, wie er's vor Gott und nach der
Schrift am richtigsten zu tun urteilet. Ein Separatist kann auch ein
Mystiker sein oder werden, obgleich ein wahrer Mystiker nicht so leicht ein
Separatist wird: er hat wichtigere Sachen zu tun. Mystiker
sind keineswegs Enthusiasten zu schelten. Das unschuldige Wort Enthusiast
wird heutigen Tages nur im bösen Verstande gebraucht. Menschen (Gelehrte oder
Ungelehrte), die sich für Werkzeuge oder für Gesandte Gottes ausgeben und
wollen, dass man ihre eigenen Einfälle, Meinungen, Triebe, Eifer und Reden als
göttlich und für Gottes Wort halten und annehmen soll, zeigen aber mit der
Tat, dass sie nicht vom Geiste Gottes, sondern vom Geist der Welt und von ihrem
eigenen Geist regiert werden, das sind dergleichen schädliche Enthusiasten.
In diese Zunft aber gehören die Leute keineswegs, welche Paulus Kinder Gottes
nennet, von welchen er will, dass sie alle wahrlich und unumgänglich den Geist
Gottes haben müssen: der müsse in ihnen wohnen, sie treiben (Rom 8,14),
regieren und alles was gut, heilig und selig heißt, in ihnen wirken, wie
solches die Früchte zeigen würden. Ist's
nicht eine beklagenswürdige Torheit zu nennen, dass manche Theologen, wenn sie
im leeren Felde mit Gegnern (Pelagianern, Sozinianern etc.) sich in Streit
einlassen, die Notwendigkeit der innern Wirkungen des Geistes und der Gnade
tapfer genug verfechten können; denn so bringt es die Lehre mit sich: wenn sie
aber mit Menschen zu tun bekommen, die wirklich solche heilsame Wirkungen in
sich erfahren, alsobald mit Enthusiasten und Phantasten um sich werfen,
unerachtet man wohl alle Sonntage singet: Gutes denken, Gutes dichten, muss dein
Geist in uns verrichten. Gesichte,
Offenbarungen, Einsprachen, Weissagungen und manche andere außerordentliche
Dinge können zwar einem Mystiker auch ungesucht begegnen, gehören aber so gar
nicht zum Wesentlichen der Mystik, dass vielmehr alle erfahrenen Mystiker in
Ansehung solcher außerordentlichen Sachen die wichtigsten Erinnerungen geben. Mystiker
sind auch nicht Schwätzer von großer Geistlichkeit, sie affektieren keine
dunkele, hochtrabende, verblümte Redensarten, sondern sprechen das, was sie
erfahren, so aus, wie sie es mit Worten, die der heilige Geist lehret, deutlich
machen können (l Kor 2,13). Sie reden wenig, sie tun und sie leiden vieles, sie
verleugnen alles, sei beten ohne Unterlass, der geheime Umgang mit Gott in
Christo ist ihr ganzes Geheimnis. Theosophie
und Mystik sind auch unterschieden. Die wahren und OriginaI-Theosophen, deren
uns von der Apostel Zeit an sehr wenige bekannt geworden, waren alle Mystiker,
aber weit gefehlt, dass alle Mystiker auch Theosophen sein sollten. Unter
Tausenden nicht einer. Theosophen sind solche, deren Geist (nicht Vernunft,
Esprit) die Tiefen der Gottheit nach göttlicher Führung erforschet und aus
unzweifelbarer Schauung solche Wunder erkannt hat (l Kor 2,10). Es könnte
dieses genug sein, die Sache zu begreifen, ich komme aber näher. Das
Wort mystisch wird bisweilen im weitläufigeren, bisweilen im engeren
Verstande genommen. Im erstem Verstande ist es nichts anders, als die praktische
Theologie oder die Ausübung der Gottseligkeit, insofern sie Gnade und
Herzensveränderung zum Grunde hat: demnach nicht eine bloß natürliche Moral. Im
engern und eigentlichen Verstande bedeutet es denjenigen Grad der
Erfahrungserkenntnis Gottes, welchen Paulus und alle Mystiker nach ihm genannt
haben die Erleuchtung, welche der Apostel NB. den Gläubigen noch erbittet (Eph
1,17.18 u. f.) (weit unterschieden von der anfänglichen Erleuchtung) (Apg
26,18; Hebr 10,32). Es
gehöret demnach und ferner dahin das Bleiben in Jesu (Joh 15,4); das Anhangen
an Gott, um Ein Geist mit ihm zu werden (l Kor 6,17); das Wandeln in der
Gegenwart Gottes (l Mos 17,1); das Anbeten im Geist und in der Wahrheit (Joh
4,23); die wirksame und leidentliche Reinigung von allen Befleckungen des
Fleisches und des Geistes (2 Kor 7,1) (welche was anderes ist als die anfängliche
Reinigung von den toten Werken) (Hebr 6,1); die Ausgießung der Liebe Gottes
ins Herz (Röm 5,5), einer Liebe, welche endlich alle Furcht austreibet (l Joh
4,18); die Salbung, welche in allen Dingen lehret (l Joh 2,20); das Beschauen
der Herrlichkeit Gottes mit aufgedecktem Angesicht (2 Kor 3,18); die Offenbarung
oder Inwohnung Gottes in der Seele (Joh 14,21.23; 2 Kor 6,16; Eph 1,17.18)
(welche auch den gläubigen Korinthern noch eine Verheißung war); das Leben
Gottes, da der Mensch oder das Ich nicht mehr lebet, sondern Christus in ihm (Gal
2,20); das Wandeln im Himmel (Phil 3,20); der Friede Gottes, welcher über allen
Verstand ist (Phil 4,7); das Vollkommensein in Eins (Joh 17,23). Dieses
und unzählig anderes, welches wir wörtlich in der Schrift ausgedrückt
finden, heißt und ist mystische Theologie, wovon sich die Leute so fürchterliche
Vorstellungen machen. Nicht
aber bei allen (auch geförderten) Frommen finden sich diese Sachen so auf
einmal, auf einerlei Weise, in einerlei Maße und Völligkeit, sondern nach der
Ausleerung, Stärke und Fähigkeit eines Gefäßes gießet Gott das Übernatürliche
hinein (übernatürlich und mystisch ist ein und eben dasselbe). Das höchste
Gut ist reich und bereit zu geben: Tue deinen Mund weit auf, so will ich ihn füllen
(Psalm 81,11). Aber ach! der dürftige Mensch will nicht nehmen. Die
Patriarchen, die ausleuchtenden Heiligen des Alten Testaments, die ersten brünstigen
Christen überhaupt leerten sich ganz aus, kehrten sich völlig zu Gott, übergaben
sich unbedingt seiner Führung hin. Diese waren demnach alle wahre Mystiker und
haben, ein jeder in seinem Teil, die oben erwähnten und andere Wunder göttlicher
Gemeinschaft erfahren. Bei
dem hernach erfolgten Abfall von den ersten Ernst und Lauterkeit gab es zwar
noch immer gottsuchende fromme Menschen in der Christenheit, welchen sich auch
Gott, der Heiland aller Menschen, nicht entzog, sondern ihnen Gutes tat und das
wenige Gute in ihnen unterhielt. Da aber insgemein ihre Ausleerung sehr
gebrechlich, ihre Zukehr so unvollkommen und unterbrochen und die ganze Gemütsbeschaffenheit
so matt und krank war und blieb: so nahm zwar der Herr das Wenige, so sie ihm
gaben (wo sie anders aufrichtig zu Werk gingen), gütigst an, ließ ihnen auch
nach eines jeden Fähigkeit Gutes widerfahren und förderte sie, so weit eines
jeden Umstände, Temperament, Vorurteile, Mut und Treue es zuließen; fast alle
aber blieben bei der Wahrnehmung der sogenannten Gnadenmittel, beim buchstäblichen
Wissen, bei gutgemeinten Andachtsübungen, bei vorübergehenden sinnlichen Rührungen
stehen. Ihre Führer selbst wussten und wollten auch nichts Besseres. Da ward
demnach das innere Leben oder die Mystik immer rarer und unbekannter, endlich
gar verdächtig; der Unvollkommenheit und allem Elend machte man ein feines
Pflaster; aber die Wirkung des Geistes Gottes in Innern abwarten und derselben
Raum geben (nach Rom 8,14), das hieß Ketzerei und enthusiastisch. Und so
steht's noch in der Christenheit bis auf den heutigen Tag. Ein
Mystiker setzt zum voraus zum unbeweglichen Fundament alle Wahrheiten der
heiligen Schrift, auch besonders die durch Christum geschehene Versöhnung;
aber er läßt es nicht dabei bewenden, dass er nur allein und immerdar dieses
Fundament besehe und davon rühme, sondern er siehet hauptsächlich zu, dass
auch was Schönes, Gold, Perlen und Edelsteine auf dieses Fundament gebauet
werde, kann sich darum mit Holz, Heu und Stoppeln von allerhand Nebensachen
nicht viel aufhalten (l Kor 3,11.12). Dennoch
aber kann ein wahrer Mystiker auch nach den Umständen mit unverstellter Andacht
und Herzensveneration sogar von den ersten Anfängen christlicher Lehre reden,
lesen und hören. Nichts ist ihm klein und gering, was von seinem göttlichen
Vorwurf kommt, was von demselben zeuget und dahin weiset. Das Große, so er in
Gott und in allem Göttlichen siehet, macht ihm nur das Sichtbare klein (2 Kor
4,18) und dass er auch selbst wahrlich klein wird ohne Kleinmütigkeit. Ein
hochmütiger
Mystiker ist eine Missgeburt, eine sich selbst widersprechende Redensart. Schließlich
bedaure und erinnere ich noch dieses, dass in diesen unsern Tagen bei anfänglich
Bekehrten die Notwendigkeit des Fortgangs in der Heiligung nicht gebührend
beherzigt noch darauf gedrungen wird, wovon doch die Schrift so deutlich und so
reichlich zeuget. So
wird auch die Glückseligkeit dieser Sache nicht recht beherziget und angezeiget.
Heilig sein und selig sein ist eins und eben dasselbe, nur dass in
diesem Leben die Sache stufenweise unter Kreuz und Proben fortgesetzet, in
jenem Leben aber in völligem und unwandelbarem Genus und Glanz erscheinen wird.
Selbst in anfängliche Seligkeit bei der Vergebung der Sünden setzet schon
voraus den Anfang der Heiligung in wahrer Buße und Glauben. Auch
dieses müsste als wichtig und vorsichtig angezeigt werden, dass diese
Heiligkeit nicht gesucht und gesetzt werden müsse in einiges bloß äußere
Ding, Übung oder Werk, als welches alles, aufs Beste genommen, nur
Handleitungen oder auch Früchte der innern Heiligkeit sind; woraus aber, wenn
man die Sache selbst darin setzet und sein Vertrauen darauf stellet, anstatt
Gnadenmittel wohl Verhinderungen der Gnade werden können. Man
setze vielmehr die Heiligung nach der Schrift in die wirkliche Reinigung von
Unart und Verderben und in die Erneuerung des innern Menschen von einer Klarheit
zur anderen nach dem Bilde Dessen, des uns geschaffen hat; oder (welches
einerlei ist) in die Gleichförmigkeit mit Jesu Christo. Und man suche sie, bei
Verleugnung alles ändern, durch Herzensgebet und Einkehr bloß in
dem inwendigen Umgang und Gemeinschaft mit Gott, so wie er uns in Christo
unaussprechlich nahe ist, um uns kraft dessen Auferstehung durch den Geist der
Heiligkeit von Grund aus zu heiligen (Rom 1,4), zu bewirken und zu beleben. Und
eben dieses ist der sichere Weg zur wahren Mystik oder zum inwendigen
Christenleben, es bestehet auch großenteils darin. |
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Hinweis: Texte von Gerhard Tersteegen sind weit bekannt;
dies beispielsweise schon dadurch, dass das Evangelische Gesangbuch einige
seiner Lieder enthält (z.B. „Gott ist gegenwärtig“). Auch im Internet finden sich viele seiner Gedichte und Texte; so weist beispielsweise das Ökumenische Heiligenlexikon auf entsprechende Links hin. (http://www.heiligenlexikon.de ) |