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(Quelle: http://www.weltreligionen-und-mystik.de   )  

      

    

Johannes vom Kreuz (1542-1591): 

Liebendes Aufmerken — Dunkle Nacht

    

   

Willigis Jäger

    

 

 

a) Liebendes Aufmerken

 Johannes vom Kreuz will einen Weg in die mystische Erfahrung lehren. Nir­gendwo steht das klarer als in der Einleitung zu seinem Buch „Empor den Karmelberg". Dort heißt es: „Der Aufstieg zum Berg Karmel erklärt, wie man die göttliche Vereinigung schnell erreichen kann".

Die Wegbeschreibung lässt sich leicht auf die Kurzform bringen, wie sie in seinem Buch „Die lebendige Flamme" zu finden ist:

„Die Seele muss Gott ein liebevolles Aufmerken entgegenbringen, nur dies, ohne in Akten sich zu. besondern; rein empfangend muss sie sich verhalten, ohne eigene Beflissenheit, mit dem entschlossenen schlichten Aufmerken der Liebe, so wie jemand in liebreicher Achtsamkeit die Augen öffnet."1

Der von Johannes vom Kreuz beschriebene Weg in die Kontemplation ist liebende Aufmerksamkeit oder, wie er es an anderer Stelle nennt, das „passiv liebende Emp­fangen".2

Wie andere Mystiker lehrt auch er, während der kontemplativen Übung alle Über­legungen, selbst fromme Gedanken und Gefühle, beiseite zu lassen:

„Dem Geist ist diese Unabhängigkeit und Unberührbarkeit vor allem aus dem Grunde not, weil irgendein Gedanke, Einfall oder Genuss, bei denen die Seele zu sol­cher Stunde sich aufhalten möchte, sie behindern und beunruhigen würde. Diese Vorgänge würden Lärm schlagen in der tiefen Stille, deren die Seele an Leib und Geist bedarf für das Auffangen des Zarten und Tiefen, das Gott in solcher Einsam­keit im Herzen einspricht".3

Dieses liebende Aufmerken ist ein Horchen nach innen. Gott ist in uns, „die Mitte der Seele ist Gott",4 sagt Johannes vom Kreuz. Wir können dies normalerweise nicht wahrnehmen, nicht erfahren, weil unser Verstand, unsere Sinne und unser Wille so laut sind. Es ist nicht leicht, sich auf diesem Grat des Lauschens nach innen zu halten. Man darf weder ins diskursive Denken abgleiten noch ins Dösen oder gar ins Schlafen geraten. Es ist eben letztlich diese liebende Aufmerksamkeit, die - ohne Vorstellung von Gott und ohne bestimmte Erwartungen - lauscht und schaut, da „Gott die Mitte der Seele ist".

Verstand, Gedächtnis und Wille müssen vollständig ausgeschaltet bleiben. Die zarte Beziehung dieser liebenden Aufmerksamkeit zum Mittelpunkt des eigenen Seins wird durch die leiseste Regung dieser Seelenkräfte zerstört. So warnt Johan­nes vom Kreuz in den Erläuterungen zur dritten Strophe:

„Äußerst leicht - schon bei der geringsten Eigenregung der Seele im Bereich des Gedächtnisses, des Erkennens, des Wollens, bei dem leisesten Versuch, die Sinne heranzuziehen, den Trieb, die Wahrnehmung, die Lust, - wird dies Werk gestört, sein Schmelz verwischt. Und das ist schwerer Schaden, großer Schmerz und Jam­mer".5

Weiter schreibt er vom Einschläfern und Entfremden der Sinne6 und vom Abdun­keln der Beziehungen zu Gott:

„Ich sage also: um sich durch den Glauben gut zu diesem Stande führen zu lassen, muss die Seele das Dunkel wahren, nicht nur im Bereich ihrer Beziehungen zu den Geschöpfen und zeitlichen Dingen, nämlich im sinnlichen und niedrigen Teil, (wovon wir schon sprachen), sondern sie muss sich auch blenden und abdunkeln im Bereich ihrer Beziehungen zu Gott und zum Geistigen, nämlich im vernünftigen und höheren Teil. Davon wollen wir nun sprechen. Denn dies ist klar: Will eine Seele zur übernatürlichen Umgestaltung gelangen, so muss sie alles, was ihrer Natur eignet, das Sensitive wie das Rationale, verdunkeln und übersteigen. Denn übernatürlich heißt ja, was über die Natur hinausgeht; das Natürliche bleibt dann unten.

Da nämlich diese Umgestaltung und Vereinigung nicht dem menschlichen Sinnen und Trachten zugehört, muss sich die Seele, soweit es an ihr liegt, im Gemüt, sage ich, und im Willen, leer halten von allem, was deutlich und gewollt in sie eindringen könnte, sei es von oben oder von unten. Was aber an Gott liegt - wer wollte ihn hin­dern, in der gelassenen, vernichteten, entblößten Seele zu wirken, was Er will? Die Seele hat sich also leer zu halten, als wäre sie dazu imstande, so zwar, dass sie auch im Besitze vieler übernatürlicher Güter wie ihrer entblößt und im Dunkel sei - gleich einem Blinden -, gestützt auf den dunklen Glauben, durch ihn geführt und erleuch­tet, nicht aber auf etwas gestützt, das sie begreift, verkostet, fühlt oder ersinnt. Denn all dies ist Finsternis, die irreführt, und der Glaube ist über allem Verstehen und Ver­kosten und Empfinden und Sichvorstellen. Und wenn sie sich nicht gegen all dies blind macht, um völlig im dunkeln zu bleiben, so kommt sie nicht zum Höheren, das der Glaube lehrt".7

Am Anfang ist dieses liebevolle Erkennen des inneren Lichtes fast nicht wahr­nehmbar, sagt Johannes vom Kreuz. Er gibt auch den Grund an: „Es ist so zart, dass der Mensch, der an die Übung des Betrachtens gewohnt ist, das unfassbar Neue nicht fühlen kann".8

Er vergleicht diesen Vorgang mit der Wahrnehmung des äußeren Lichtes. Dessen Sichtbarkeit ist dort am besten, wo es reflektiert wird. Der durch das Fenster einfal­lende Sonnenstrahl kann vom Auge besser erfasst werden, wenn umherfliegende Stäubchen sein Licht reflektieren. So klammert sich die Seele anfangs noch an die „Stäubchen", die in ihrem Innenraum umherfliegen, weil sie die Dunkelheit des unerschaffenen Lichtes noch nicht erfassen kann. „Das Licht selbst ist nicht Gegen­stand des Sehens," sagt Johannes vom Kreuz, „sondern nur das Mittel, Sichtbares wahrzunehmen."9 So geht das Schauen nach innen durch einen langen Entwicklungsprozess.

 

b) Einüben der liebenden Aufmerksamkeit

 Johannes vom Kreuz setzt voraus, dass Anfänger in der Kontemplation die bild­hafte Betrachtung intensiv gepflegt haben.10 Doch wenn die Freude daran erlischt, soll die Seele beginnen, sich mit diesem liebenden Aufmerken zu beschäftigen, auch wenn es ihr erscheint, als tue sie nichts.11 Das Licht Gottes mangelt der Seele nie. Doch wegen der Bilder und Hüllen, die den Grund verdecken, kann es nicht wahrge­nommen werden. Daher gilt es zu lernen, in liebender Aufmerksamkeit vor Gott zu verweilen.12

Dieses Verweilen muss oft und regelmäßig geschehen, damit es, wie er sagt, zu einem Zustand führt: „Da nun viele Akte, welcher Übung auch immer, in der Seele einen Zustand ausbilden, so bildet auch die oft wiederholte Übung des liebenden Erkennens, der sich die Seele fallweise hingibt, durch Gewöhnung einen Zustand aus".13

Ständiges Üben ist demnach von größter Bedeutung. Ruhiges Sitzen und gleich­mäßiges Atmen erleichtern die Übung, wie sich aus den Schriften der Mönchsväter entnehmen lässt. Das liebende Aufmerken sollte man aber nicht nur beim Sitzen oder Knien haben, sondern es sollte durch den Tag begleiten und immer da sein, wenn verstandesmäßige Arbeit den Geist nicht beschäftigt hält. Die Stunden schlafloser Nächte sollten zu kostbaren Übungsstunden werden. Diese Ausrichtung nach innen, wo „Gott die Mitte des Menschen ist", und die Entschlossenheit, in der Übung zu bleiben, ist nach Ansicht aller geistlichen Führer eine der wichtigsten Voraussetzun­gen für das Fortschreiten auf dem kontemplativen Weg. Es ist bekannt, dass man im Zen und im Yoga während besonderer Übungsperioden bis zu 10 Stunden täglich in tiefer Sammlung verbringt. Sowohl von den Mönchsvätern als auch von den öst­lichen Meditationswegen ist also zu lernen, dass der Weg wesentlich in einem aus­dauernden Sicheinlassen in die Beziehung zur eigenen Mitte besteht. Am Anfang muss man aktiv sein, etwas tun, sich anstrengen, um im Zustand des wachen, lieben­den Aufmerkens zu bleiben, bis man durch Beharrlichkeit zur Reife des kontempla­tiven Gebetes gelangt ist. Sobald Verstand, Phantasie, Gedächtnis und Wille schweigen, beginnt der Weg der Kontemplation. Dieser Übung soll sich die Seele hingeben, sagt Johannes vom Kreuz, damit sie durch Gewöhnung einen Zustand in sich ausbildet, der sie dann in die Beschauung versetzt.14

Das bedeutet nicht, dass man die mystische Erfahrung „machen" oder „erzwingen" könnte; sie wird immer reines Geschenk sein. Es geht darum, sich zu bereiten durch die Übung des Loslassens und des Leerwerdens. Von Johannes vom Kreuz wird uns berichtet, dass er sich stunden-, ja nächtelang diesem Gebet hingab und es am lieb­sten wie Jesus, sein Meister, im Freien oder am offenen Fenster verrichtete.15  

 

c) Der Reinigungsprozess - Die Dunkle Nacht

 Keine der Ego-gesteuerten Seelenkräfte, wie Verstand, Gedächtnis oder Wille, dürfen im Zustand der Kontemplation aktiv sein. Diese Übung ist nicht leicht, denn der Verstand darf sich an nichts festhalten. Auch die Gemütsbewegungen sollten vorüberziehen. Es ist ein liebendes Aufmerken, das nichts weiß und nichts will. Wer sich auf diesen Weg macht, wird bald feststellen, wie sehr ihn die Alltagsgedanken bedrängen.

Aber nicht nur Alltagsgedanken erschweren die Übung. Alles, was im Laufe der Jahre ins persönliche Unbewusste verdrängt, „unter den Teppich gekehrt" wurde, fühlt sich jetzt ermutigt, auf der inneren Bühne seinen Platz einzunehmen. Gewöhn­lich haben daher Anfänger auf dem Weg zuerst mit ihren angstbesetzten Kindheits­erlebnissen, Traumata und neurotischen Blockierungen zu kämpfen.

Bei manchen werden die inneren Schwierigkeiten so stark, dass sie der kontempla­tiven Übung nicht mehr folgen können. Spätestens dann ist es angezeigt, dass man sich einem Führer anvertraut. Der Einzelne braucht auf dem Weg ständige Ermuti­gung und Hilfestellung.

Die störenden Kerne im Unbewussten können als Angst auftreten. Der Einzelne weiß nicht, wovor er Angst hat, aber er spürt, dass sie ihn hindert, auf dem kontem­plativen Weg fortzuschreiten. Manchen gelingt es, die Angst anzunehmen, stehen ­zu lassen und weiterhin mutig die liebende Aufmerksamkeit auf Gott zu richten. Andere sehen sich genötigt, die Kontemplation einzustellen, um sich zuerst einer therapeutischen Behandlung zu unterziehen. Für den normal veranlagten, gesunden Menschen genügt es, die Angst anzunehmen und seinen Weg fortzusetzen. Mit der Zeit werden die Angstzustände meist geringer und bleiben schließlich ganz aus.

Während dieser aktiven Reinigungsphase kann der Mensch noch etwas zu seinem inneren Wandel beitragen. Doch mit dem Beginn der „passiven Reinigung", die vor allem das kollektive Unbewusste zu läutern scheint, fällt alles Agieren weg. Diese Bewusstseinsschichten sind dem aktiven Zugriff des Menschen verschlossen. Die letzte Reinigung muss erlitten werden.

Der ganze Vorgang kann ungeheuer schmerzvoll sein. Nur wer ihn selbst durch­gestanden oder lange mit Menschen, die davon betroffen wurden, gearbeitet hat, weiß um die Not. Das 6. Kapitel des 2. Buches der „Dunklen Nacht" von Johannes vom Kreuz gibt einen Einblick. Dort heißt es: „Die dritte Art von Passion und Pein, die hier über die Seele kommt, entspringt aus zwei anderen Gegensätzen, dem Gött­lichen und dem Menschlichen, die nun zusammentreffen. Das Göttliche ist diese läuternde Kontemplation, und das Menschliche ist das Subjekt der Seele. Wenn nun das Göttliche sie überfällt, um sie auszureifen, zu erneuern und dadurch göttlich zu machen - wenn es sie nun von allen eingewurzelten Neigungen, von allen klebenden und eingefleischten Eigenheiten des alten Menschen vollkommen entblößen will, dann zerstückelt und vernichtigt es derart ihre geistige Substanz in einer sie umschlingenden, dichten und tiefen Finsternis, dass sich diese Seele angesichts ihrer Erbärmlichkeiten in einem grausamen Geistestod hinschmelzen und hinschwinden fühlt. Nicht anders, als fühlte sie sich eingeschluckt in den düsteren Bauch eines Ungetüms und von ihm zersetzt - in den gleichen Erstickungsnöten wie Jonas im Bauche jenes Meerungeheuers (Jo. 2). Denn in solcher Gruft, in solch finsterem Tode muss sie ihrer geistlichen Auferstehung entgegenharren".16

Die Worte, die Johannes vom Kreuz in diesem Kapitel gebraucht, lassen das Furchtbare des Reinigungsprozesses ahnen:

„Ringsum Geröchel des Todes - Qualen der Hölle - in die Finsternis geworfen - versenkt in den Pfuhl der untersten Tiefe - lichtlose Schatten des Todes - Todes­schatten, Todesstöhnen, Höllenqualen - beklemmendes Leiden - aufgehängt in der Luft, ohne atmen zu können, die Knochen müssen im Feuer verbrennen - wegge­zehrt wird das Fleisch - die Gliedmaßen werden zerlöst (Ez 24,10) - tödliches Hinschmachten - die Seele sieht die Hölle vor sich aufklaffen".

Diese Phase der Kontemplation kann für den Einzelnen entsetzlich sein und sehr lange dauern. Die Zustände gleichen im allgemeinen einer tiefen Depression. Hier wird es wichtig, dass der Übende diesen Prozess nicht einfach als ein Leid betrachtet, das ihn befallen hat, sondern als einen spirituellen Reinigungsvorgang. Nur dann wird er überhaupt die Kraft aufbringen, diesen Prozess bis zum Ende durchzustehen. Die Haltung gegenüber dem inneren Erleben macht den Unterschied aus. Das lässt sich an einem Beispiel zeigen. Man denke an zwei in der Wüste zurückgelassene Touristen, denen für die nächsten vier Wochen nichts anderes als Wasser zur Verfü­gung steht. Der eine ist ständig auf Nahrungssuche, stellt sich nur essbare Dinge vor, träumt vom Essen, hungert und ist schließlich am Ende der vier Wochen tatsächlich verhungert.

Der zweite stellt sich auf eine vierwöchige Fastenzeit ein, eine Zeit psychischer und physischer Reinigung. Weil er zu fasten versteht, geht er gestärkt und gereinigt aus dieser Mangelphase hervor, während der erste in Not, Angst und Ausweglosig­keit stecken blieb.

Die passive Reinigung kann eine Zeit der Hilflosigkeit, des Schmerzes, der Ver­krampfung, der Verzweiflung, der Panik und des Horrors sein. Nicht ohne Grund nannten die Mystiker diesen Zustand horror vacui, das Grauen (vor) der Leere. Nur wenige werden durch diese Prüfungen ohne ermutigenden Führer gehen können.

Was über die dunkle Nacht gesagt worden ist, klingt für manche beängstigend und negativ. Für Johannes vom Kreuz ist diese Reinigung jedoch ein Freiwerden von Hindernissen, die den Menschen von der Erfahrung Gottes trennen. Die ,,liebende Seele" listet dem Geliebten nicht auf, was sie um seinetwillen aufgeben musste. Es zählt nicht. Es schmerzt nicht einmal. So kann der ganze Weg der Reinigung von einer großen Innigkeit begleitet sein, die eines Tages endgültig in die Freude mündet. 

 

d) Führung auf dem kontemplativen Gebetsweg

Johannes vom Kreuz legt größtes Gewicht auf Seelenführung. Jemand ohne See­lenführung ist wie ein Garten ohne Zaun.17 Er spricht in vielen Kapiteln seiner Werke von spiritueller Führung, von Spiritualen und Beichtvätern, mit denen er allerdings streng ins Gericht geht. Nach Ansicht von Fernande Urbina, einem der besten Kenner von Johannes vom Kreuz, schrieb dieser seine Bücher nur, weil die Angst vor der Inquisition die Beichtväter seiner Zeit davon abhielt, mystisch begabte Menschen auf dem kontemplativen Weg zu begleiten. Johannes vom Kreuz wirft diesen Seelenführern Mangel an Verständnis vor, weil sie versuchten, jene Menschen, die daran waren, in die Dunkelheit und Leere der Kontemplation einzu­treten, zu Betrachtung und frommen Übungen zurückzuholen.

„Wenn die Seelen zu dieser Zeit bei niemandem Verständnis finden, dann fallen sie zurück, den Weg verlassend und erlahmend; zum mindesten aber behindern sie selber ihren Fortschritt, weil sie sich darauf versteifen, durch Meditation und Aus­einanderlegung voranzukommen; und dabei pressen sie zu hart auf ihre natürlichen Kräfte, in der Meinung, durch ihre Nachlässigkeit und ihre Sünden stecken zu blei­ben" - „und darin gehen sie fehl, denn zu dieser Zeit leitet Gott sie bereits auf einem anderen, auf einem durchaus unterschiedenen Wege, dem der Kontemplation. Der eine Weg ist ein Weg des veranschaulichenden Nachsinnens, der andere hat nichts mit Anschaulichkeit und Überlegung zu tun."18

„In dieser Nacht der Sinne müssen sie sich über nicht mehr zeitgemäße Meditation und Grübeleien hinwegsetzen..., auch wenn sie überzeugt sind, ihre Zeit im Nichts­tun zu verlieren und aus Schlaffheit die Gedankenarbeit zu meiden."19

„Manchmal wollen sie (die Seelen) nicht ins Dunkel eintreten, noch sich hinein­ziehen lassen. Manchmal verstehen sie es nicht und es mangelt ihnen an geeigneten und erfahrenen Führern, sie auf den Gipfel zu geleiten" - „Sie bleiben bei ihrer nied­rigen Weise, mit Gott zu verkehren, weil sie es nicht anders wollen oder wissen oder niemand da ist, sie auf den Weg des Lassens jener Anfänge zu führen. Begnadet unser Herr sie endlich so sehr, dass sie ohne dieses und jenes hindurchkommen, so gelangen sie doch viel später und mühseliger und weniger verdienstlich ans Ziel."20

 

e) Kritik an den Seelenführern

  Dies ist ein kritischer Punkt auf dem inneren Weg. Statt ihr Beichtkind zurückzu­rufen, sollten geistliche Führer es ermuntern, mit der Übung des liebenden Aufmerkens mutig und treu fortzufahren trotz aller Trockenheit, Einsamkeit und Leere. In seinem Buch „Die Lebendige Flamme" kommt er ausführlich darauf zu sprechen.21 Dort droht er z.B.:

„Groß ist Gottes Zorn gegen solche (Seelenführer). Durch Ezechiel droht er ihnen Strafe an: ,Mit der Milch meiner Herde habt ihr euch genährt, und mit ihrer Wolle habt ihr euch bedeckt. Dennoch habt ihr meine Herde nicht geweidet. Aus euern Händen werde ich meine Herde zurückfordern'".22

In der Vorrede zum Buch „Aufstieg zum Berge Karmel" nennt Johannes vom Kreuz die disqualifizierten Seelenhirten „Erbauer des Turmes von Babel". In „Die lebendige Flamme" werden sie „Grobschmiede" geheißen, die nur darauf loszuhämmern verstehen,23 „Füchslein", die den blühenden Weinberg des Herrn zertreten,24 „Blinde", die das Wirken des Heiligen Geistes stören, und Leute, die ändern „die Himmelstür verriegeln".25

Er rät daher den Menschen, auf dem geistlichen Weg vorsichtig zu sein und sich nicht jedem anzuvertrauen. „Die Seele, die auf diesem Wege der Sammlung und Vervollkommnung voran gelangen will, muss als erstes überlegen, in wessen Hände sie sich gibt, denn wie der Meister so der Schüler, wie der Vater so der Sohn."26

Alle Mystiker weisen daraufhin, dass die Zeit kommt, in der man das Nachdenken über Gott und damit auch so manche Frömmigkeitsübung zurücklassen muss, wenn man auf dem Weg der Kontemplation weiterkommen will. Trotzdem raten auch heute noch viele Beichtväter und Spirituale den Menschen ab weiterzugehen, wenn sie an diesen Punkt kommen. Wer selber keine Erfahrung auf diesem Gebiet hat, tut sich in der Tat schwer, andere in das gegenstandsfreie Beten zu entlassen. Es sei daher auch noch Johannes Tauler zitiert, der offensichtlich mit dem gleichen Pro­blem in der Seelenführung zu tun hatte. In seiner 29. Predigt ist zu lesen:

„... bist du nicht in diesen Grund gelangt, so wirst du mit äußerem Tun nicht dahin kommen. Strenge dich nicht zwecklos an! Wenn du deinen äußeren Menschen besiegt hast, kehr' in dein Inneres, geh' in dich und suche diesen Grund: Du findest ihn nicht in den äußeren Dingen, in Anweisungen und Vorhaben ...

Wer solche Leute (die den Grund suchen) von da in seine grobe Art äußerer Übung herüberzieht, so dass sie solche Gnade verlieren, bereitet sich selber ein furchtbares Urteil. Solche Menschen, wahrlich, mit ihren besonderen Frömmigkeitsübungen, zu denen sie jene Leute herüberziehen wollen, legen deren Fortschritt mehr Hinder­nisse in den Weg, als es je Heiden und Juden taten. Ihr also, die ihr mit heftigen Wor­ten und zornigen Gebärden urteilt, nehmt euch in acht, wenn ihr über innerliche Menschen sprecht."27

Tauler ist zutiefst betrübt, dass „Heiden" den Weg in den eigenen Seelengrund bes­ser kennen als Christen. Denn so heißt es weiter in der gleichen Predigt:

„Hierzu sagt ein heidnischer Lehrmeister, Proklus: .Solange der Mensch mit den Bildern, die unter uns sind, beschäftigt ist und damit umgeht, wird er, so glaube ich, niemals in diesen Grund gelangen. Es gilt uns als Aberglaube, dass dieser Grund in uns sei; wir können nicht glauben, dass dergleichen sei und in uns sei. .Daher', so fährt er fort, .willst du erfahren, dass er besteht, so lass alle Mannigfaltigkeit fahren und betrachte nur diesen einen Gegenstand mit den Augen deines Verstandes; willst du aber höher steigen, so lass das vernünftige Hinsehen und Ansehen, denn die Ver­nunft liegt unter dir, und werde eins mit dem Einen.' Und er nennt das Eine eine gött­liche Finsternis, still, schweigend, schlafend, übersinnlich. Ach, ihr Lieben, dass ein Heide das verstanden hat und darauf kam, wir aber dem so ferne stehen und so wenig gleich sind, das bedeutet für uns einen Schimpf und eine Schande".28

Johannes vom Kreuz verlangt vom Führer in der Kontemplation nicht unbedingt Heiligkeit, aber Erfahrung. Auch bestimmte psychologische Voraussetzungen sind notwendig, um andere zu führen.

„Dabei ist zu beachten: Für diesen Weg, zumindest für die obere Strecke, aber auch für die mittlere, wird kaum ein Führer gefunden, der alle Erfordernisse erfüllt. Umsicht und Unterscheidungsgabe genügen hier nicht, es muss ein solcher darüber hinaus Erfahrung besitzen .... Fehlt die Erfahrung dessen, was reiner und wahrer Geist ist, so wird es nicht glücken, die Seele in dem von Gott Empfangenen zu prüfen oder solchen Geist auch nur zu verstehen."29

Vielleicht besser als alle weiteren Zitate sagt der folgende Abschnitt, was Johan­nes vom Kreuz von einem Seelenführer verlangt: „Solche Seelenführer mögen sich bewusst sein, dass der eigentliche Beweger und Führer der Seele nicht sie sind, son­dern der unablässig um sie bemühte heilige Geist, da sie nur Wegweiser sind für den Aufstieg zur Vollkommenheit kraft des Glaubens und des göttlichen Gesetzes, zu einer Vollkommenheit gemäß dem Geiste, den Gott in jede Seele besonders ein­gießt. Und so sei denn sein ganzes Bestreben, sie nicht eigensinnig seiner eigenen Weise anzugleichen, sondern sich zu prüfen, ob er den Weg erkennt, den Gott sie führt. Und wenn er ihn nicht erkennt, soll er jene Gott überlassen, statt sie zu ver­stören".30

Johannes vom Kreuz verweist allerdings auch sehr deutlich auf Vernunft und natürliche Urteilskraft. Niemand soll blindlings seiner eigenen Erfahrung folgen, sondern sich rückversichern bei seinem Seelenführer.

„Wenn Gott damals etwas sprach, so gelangte dies durch keine Autorität oder Gewalt zu voller Glaubwürdigkeit, wenn nicht der Mund eines Priesters oder Propheten es bestätigte. Weil Gott es so sehr liebt, dass der Mensch wieder durch einen anderen Menschen seinesgleichen geleitet und betreut werde und dass natürliche Vernunft den Menschen führe und lenke, verlangt Er durchaus, dass wir den Dingen, die uns übernatürlich zukommen, nicht vollen Glauben schenken, noch uns auf eigene Kraft und Sicherheit stützen, ehe sie uns durch einen menschlichen Mund wie durch ein menschliches Brunnenrohr zugeleitet sind. Darum legt Gott in die Seele, der Er etwas sagt oder enthüllt, eine gewisse Neigung, es demjenigen mitzuteilen, dem es zusteht. Und Er pflegt volle Zufriedenheit nicht eher zu gewähren, als der Mensch es von einem Menschen seinesgleichen übernommen hat."31

Das ist ein Rat, der von geistlichen Führern immer wieder gegeben wurde. So schreibt Augustinus, dass der Mensch durch Menschen gerettet wird und sich daher auch durch Menschen führen lassen soll. Er verweist dabei auf Johannes Chrysostomus, der in seiner l. Homilie etwas Ähnliches sagt, und auf Paulus, der vor Damas­kus eine mystische Erfahrung hatte, aber dann zu Ananias geschickt wurde für wei­tere Unterweisung.

Vor allem braucht die Phase der „Dunklen Nacht" die Begleitung eines Führers. Diese Nacht ist ein letztes Handanlegen Gottes an den Menschen, das oft einhergeht mit starken Gefühlen der Gottverlassenheit und Sinnlosigkeit.

 

 

 

 

© Willigis Jäger, Jahrgang 1925, Benediktiner der Abtei Münsterschwarzach und Zenmeister der Sanbo-Kyodan-Linie. (Im Internet: http://www.willigis-jaeger.de  ) 
   

Der Text ist mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen aus dem Buch "Suche nach dem Sinn des Lebens", erschienen im Via Nova Verlag, Petersberg.

(Verwendet wurde die 4. Auflage 1997, S. 98 - 105)

 
 

 

 

Anmerkungen:

1 LF III, 33.

2 Vgl. LF III, 34.

3 LF III, 34.

4 LF I, 12.

5 LF III.41.

6 LF III, 55.

7 ABK II 4,2.

8 ABK II, 13,7.

9 ABK, II, 14,9.

10 ABK II, 14,1.

11 ABK II, 14,2,3.

12 ABK II, 15.

13 ABK IL 14,2.

14 ABK II 14,2,3.

15 Brenan G., St. John of the Cross, London 1950, S. 43, 47, 48, 53, 55.

16 Vgl. DN IV, 2.

17 Vgl. May, Will and Spirit, Harper & Row, San Francisco 1982, S. 108 ff.

18 DN I, 10,2.

19 DN I, 10,4.

20 ABK Vorrede 3.

21 Vgl. LF III, alle Absätze von 53 bis 66.

22 LF III, 60.

23 LF III, 43.

24 LF III, 52.

25 LF III, 62.

26 LF 3,30.

27 Tauler, Predigten, Band I, Einsiedeln 1979, S. 204.

28 Joh. Tauler, a.a.O., S. 201.

29 LF 3,30.

30 LF 3,46.

31ABK II,22.

 

 

 

 

(Quelle: http://www.weltreligionen-und-mystik.de   )