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(Quelle: http://www.weltreligionen-und-mystik.de   )   

 

Tan-Hsya Tien-shan – Erleuchtungsbericht

 

 

 

Die folgende  Übersetzung  wurde uns freundlicherweise von Genpo H.R. Döring, Hakuin Zen Gemeinschaft, Dinkelscherben, zum Abdruck überlassen.

( im Internet unter http://www.kaiser-bischof.de/shoboji/ )

 

 

 

Der Zenmeister Tan-Hsya Tien-shan
Aus japanischen Quellen übersetzt und bearbeitet von Toshiko Döring und Dorin Genpo Osho (Genpo H. R. Döring)

 

Die folgende, kurze Autobiographie von Tan-Hsya Tien-shan (739-824; jap.: Tanka Tennen) vermittelt ein genaues Bild davon, wie Erleuchtung im Zen tatsächlich vor sich geht. Sie schildert Tien-shans persönliche Erfahrung des "MU" während seines langen Bemühens um Erleuchtung. Wer sich Meister Tien-shan noch genauer ansehen möchte, begegnet ihm im 76. Beispiel des Hekigan Roku (Bi yän lu).

 

Meister Tan-Hsya Tien-shan schreibt:
Mit der buddhistischen Lehre beschäftigte ich mich, seit ich dreizehn Jahre alt war. Als ich achtzehn wurde, trat ich ins Kloster ein und wurde Mönch. Eines Tages las ich eine Abhandlung mit dem Titel "Ratgeber für die Meditation", die mir ein Mönch von Meister Hsüeh-yen mitgebracht hatte. Nachdem ich sie gelesen hatte, wurde mir klar, dass ich die Ebene, die darin erwähnt wird, noch nicht erreicht hatte. Deshalb machte ich mich auf dem Weg zu Hsüeh-yen und befolgte seine Anweisungen, nur über das Wort "Mu" zu meditieren. Während der vierten Nacht war mein ganzer Körper in Schweiß gebadet, ich fühlte mich dabei sehr wohl und leicht. Ich blieb in der Meditationshalle, auf meine Meditation konzentriert, ohne mit jemandem zu sprechen. Danach ging ich zu Miao-kao-feng und wurde angewiesen, das Wort "Mu" ohne einen Augenblick der Unterbrechung zu meditieren, Tag und Nacht. Als ich vor der Morgendämmerung aufstand, erschien mir das Hua-tou (das Wesentliche der Meditationsvorgabe) unmittelbar. Sobald ich mich etwas schläfrig fühlte, verließ ich meinen Sitzplatz und begab mich zum Boden hinab. Das Hua-tou verließ mich in keinem Moment, auch nicht während des Gehens, während ich mein Bett machte oder Essen zubereitete, meinen Löffel aufnahm oder die Eßstäbchen ablegte. Es war ständig bei mir, in allen meinen Handlungen, Tag und Nacht. Wer seinen Geist zu einem durchgehenden Ganzen zu verschmelzen vermag, der kann gar nicht anders als Erleuchtung zu erlangen. Diesem Rat folgend, war ich voll davon überzeugt, tatsächlich eine solche Stufe erreicht zu haben.

 

Während der folgenden großen Mönchsversammlung sagte der Meister:

 

"Meine lieben Brüder, es ist zwecklos sich schläfrig zu fühlen, während ihr lange Zeit auf eurem Meditationssitz verharrt. Wenn ihr schläfrig seid, solltet ihr den Sitzplatz verlassen und in der Halle umhergehen (Kinhin üben). Falls das nichts nützt, geht nach draußen, dort könnt ihr euer Gesicht waschen, euren Mund mit kaltem Wasser ausspülen und eure Augen erfrischen. Danach könnt ihr zu eurem Sitzplatz zurückkehren, mit aufrechter Wirbelsäule sitzen und euren Geist wach halten, als ob ihr an einem 10.000 Meter tiefen Abgrund ständet, und nichts als euer Hua-tou ist da präsent. Wenn ihr sieben Tage lang so übt und weiterarbeitet, werdet ihr mit Sicherheit zur Erkenntnis gelangen. Einer Anstrengung dieser Art habe ich mich selbst vor vierzig Jahren unterzogen."

 

Ich übte gemäß dieser Anweisung für einige Zeit und spürte bald ungewöhnliche Fortschritte. Am nächsten Tag fühlte ich während dieser Übung, dass ich meine Augen nicht mehr schließen konnte, selbst wenn ich wollte. Am dritten Tag fühlte ich mich, als schwebt mein Körper in der Luft. Am vierten Tag verlor ich jegliches Bewußtsein für die Zeit und für alles, was in dieser Welt geschah. In der folgenden Nacht lehnte ich mich an eine Säule der Halle und stand da eine ganze Weile. Mein Geist war so ruhig, als sei er im Zustand der Bewußtlosigkeit. Ich machte mir mein Hua-tou gegenwärtig und verlor es nicht, und ging dann zurück zu meinem Sitz. Als ich gerade dabei war, mich hinzusetzen, erlebte ich ein Gefühl, als sei mein ganzer Körper gespalten, von der Schädeldecke bis zu den Fußsohlen. Es war ein Gefühl, als würde mir jemand den Schädel zerquetschen. Es war ein überwältigendes Erleben. Genau so, als wäre ich aus einem zehntausend Meter tiefen Brunnen hoch hinaus in die Luft katapultiert worden. Umgehend berichtete ich Meister Yen über diese unbeschreibliche Ekstase und über die sich dabei einstellende, nicht-anhaftende Freude, die ich gerade erlebt hatte.

 

Aber Meister Yen sagte zu mir: "Nein, das ist es nicht. Du solltest weiter an deiner Meditation arbeiten."

 

Auf mein Ersuchen hin gab mir Meister Yen die Worte des Dharma, dessen letzte zwei Zeilen sich so lasen:

"Um die "aufwärtsgerichtete" Angelegenheit der Buddhas und Partiarchen zu verbreiten und zu verherrlichen, brauchst du noch einen guten Hammerschlag auf den Hinterkopf."

 

Ich sagte mir immer wieder: "Warum brauche ich einen Hammerschlag auf meinen Hinterkopf?"

 

Von diesem Hinweis war ich überhaupt nicht begeistert. Trotzdem schien es, als hielte sich noch ein leichter Zweifel in meinem Geist, etwas, dessen ich nicht sicher war. So meditierte ich täglich eine lange Zeit, fast ein halbes Jahr. Eines Tages, als ich gerade eine Kräutermedizin gegen Kopfschmerzen kochte, erinnerte ich mich an ein Koan, in dem von zwei Mönchen die Rede ist. Der eine fragte den anderen: "Wenn du die Knochen deines Körpers deinem Vater zurückgibst und das Fleisch deines Körpers deiner Mutter zurückgibst, wo warst 'du' dann?"

 

Ich erinnere mich, dass ich diese Frage einmal nicht beantworten konnte, als einer der Mönchsältesten sie mir stellte, aber jetzt war mein Zweifel plötzlich beseitigt. Später setzte ich meine Übung bei Meister Meng-shan fort. Der Meister Meng-shan fragte mich: "Wann und wo kann man seine Zen-Arbeit als vollbracht ansehen?"

 

Ich konnte diese Frage nicht beantworten. Meister Meng-shan ermahnte mich, meine Bemühungen in der Meditation zu verstärken, um weltliche, gewohnheitsgemäße Gedanken fortzuwaschen. Jedesmal, wenn ich sein Zimmer betrat und meine Antwort auf seine Befragung vorbrachte, sagte er immer, daß ich noch nicht weit genug vorgedrungen sei. Eines Tages meditierte ich vom Nachmittag bis zum folgenden Morgen, die Kraft des Zazen nutzend, um mich dabeizuhalten und voranzutreiben, bis ich direkt die Stufe der tiefen Versenkung erreichte. Als ich später zum Meister ging und ihm von meiner Erfahrung erzählte, fragte er mich unvermittelt: "Was ist dein wahres, ursprüngliches Gesicht?"

 

Gerade, als ich beginnen wollte zu antworten, drängte mich der Meister aus dem Zimmer und schlug die Türe zu. Verwirrt kehrte ich in die Sitzhalle zurück. Von dieser Zeit an machte ich jeden Tag kleinste und kleine Fortschritte. Später erkannte ich, dass mein Unverständnis in dieser Angelegenheit darauf zurückzuführen war, dass ich nicht lange genug bei Meister Hsüeh-yen geblieben war, um am subtilen und feinen Teil der Aufgabe zu arbeiten. Aber wie sehr hatte ich Glück, wiederum in Meister Meng-shan, einen wirklich guten Zenmeister getroffen zu haben. Nur durch ihn war es mir möglich, eine solche Stufe zu erreichen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht erkannt, dass es jedem möglich ist, wenn er sich nur unaufhörlich und kraftvoll bemüht, zur tiefsten Erkenntnis zu gelangen und seine Unwissenheit Stück für Stück, mit jeder Stufe des Weges abzulegen im Stande ist.

 

Meister Meng-shan sagte zu mir: "Das ist wie das Freilegen einer Perle. Man bricht die harte Schale auf und entfernt das umgebende Fleisch. Je mehr man die Perle säubert, desto leuchtender, klarer und reiner wird sie.“

 

Dennoch, jedesmal wenn ich meines Meisters Frage zu beantworten suchte, wurde ich abgewiesen und es wurde mir gesagt, dass es in mir noch an etwas mangele.

 

Eines Tages, während der Meditation, kam mir das Wort "mangeln" in den Sinn, und plötzlich fühlte ich, wie sich mein Geist und mein Körper weit öffneten, vom Kern meines Markes und der Knochen her, durch und durch. Ein bisher nicht gekanntes Gefühl durchflutete mich. Es war so, wie wenn alter, aufgehäufter Schnee unter der hellen Sonne dahinschmilzt, wenn sie nach vielen dunklen Tagen plötzlich aus den Wolken hervorbricht. Ich konnte nicht anders als laut und herzlich herauszulachen, sprang mit einem Satz von meinem Kissen, packte den Arm meines Meisters Meng-shan mit einer Hand und sagte zu ihm: "Sag mir, sag mir! Woran mangelt mir? Woran mangelt mir?"

 

Der Meister schlug mir dreimal ins Gesicht und ich warf mich dreimal vor ihm nieder. Der Meister sagte: "Oh, Tien-shan, es hat einige Jahre gedauert, bis du hier angekommen bist!"

 

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