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(Quelle: http://www.weltreligionen-und-mystik.de   )  

     

J.C. BÜRGEL

Laudatio auf Annemarie Schimmel

anlässlich der Feier zu ihrem 70. Geburtstag am 12. Mai 1992, im Festsaal der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn (leicht revidierte Fassung April 1993)

     

  

 Meine Bekanntschaft mit Annemarie Schimmel begann im Winter 1956/7 in Ankara, als ich als junger Student mit einem Austauschstipendium in die Türkei kam. Sie lehrte damals an der Ilahiyat Fakültesi, der islamisch-theologischen Fakultät, Vergleichende Religionsgeschichte und Islamische Kunst, und zwar auf Türkisch. Seither gehöre ich zu der privilegierten Schar jener, die sie ihre Kinder zu nennen und gerne als "kuzum", mein "Lamm", anzureden pflegt.

Es war die Zeit, als einige sehr angesehene und einflussreiche Professoren unsers Faches in Deutschland noch glaubten, mit Herablassung von Frau Schimmel reden zu dürfen, die ihnen als verschwärmtes Mädchen erschien. Hätten sie damals so wie ich ihren türkischen Vorlesungen gelauscht, wäre ihnen wohl dieser Hochmut rasch vergangen. Hätten sie sich mit dem damals bereits vorliegenden Oeuvre Frau Schimmels näher vertraut gemacht, ebenso. Dafür hätte man allerdings türkisch lesen müssen, denn ihre Einführung in die vergleichende Religionsgeschichte, Dinler tarihine giriş, war 1955 auf Türkisch erschienen. Im gleichen Jahr 1955 kam ihre Ausgabe der Vita des Mystikers Ibn al-Khafif ash-Shirazi mit über 300 Seiten persischem Text und einer 100-seitigen türkischen Einleitung aus der Presse. Wie sollte der unbedarfte Studiosus nicht bewundernd auf die nur neun Jahre ältere, schon so enorm gelehrte Kollegin aufblicken, der doch jeder Dünkel, jede self-importance abging. Er gewahrte und bewunderte jetzt erstmals und so immer wieder bei späteren gemeinsamen Reisen und Aufenthalten im Orient die Intensität des Aufnehmens, der Einfühlung, diese fast mystische Versenkung in das Fremde, das vor, neben und über aller wissenschaftlichen Auseinandersetzung stets erlebend und liebend angeeignet wurde, - mit dem Herzen. "Ich kann nicht arbeiten über etwas, das ich nicht liebe!" Die wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Gegenstand setzte also Liebe voraus, und wo sie etwas liebte, da entstand auch früher oder später etwas Geschriebenes. Ein schönes Beispiel für dieses Gesetz scheint mir Frau Schimmels Katzen-Liebe, die ich damals in Ankara aus nächster Nähe erlebte. Natürlich gab es Angora-Katzen, zum Beispiel gleich vor der Ilahiyat Fakültesi, prächtige Exemplare mit zweierlei Augenfarbe, die nur auf ihre Göttin zu warten schienen. Schoß eine solche, wenn wir nach ihrer Vorlesung das Gebäude verließen, aus einem Gebüsch hervor, so konnte es passieren, dass sie sich bückte, das nicht eben saubere Wesen hochhob und an ihr Herz drückte, - eine Liebe, aus der Jahre später eines ihrer liebenswertesten, auch für den Laien entzückenden Bücher hervorgehen sollte: "Die orientalische Katze" (1983, 2. Aufl. 1989). 

Cemile, so nannten sie damals ihre türkischen Freunde mit einem an Schimmel anklingenden türkischen Mädchennamen. Abgeleitet vom arabischen Adjektiv djamīl "schön", hat dieser Name auch spezifisch islamische Konnotationen und erinnert an einen arabischen Lieblingssatz der Mystiker, der häufig zitiert, interpretiert und kalligraphiert worden ist: "Gott ist schön und liebt die Schönheit!" Und die göttliche Schönheit sollte für die Jubilarin zu einem unerschöpflichen Born ihres Denkens, Fühlens und Forschens werden. So weist der Name Cemile hin auf ihre zahlreichen grundlegenden Arbeiten zur islamischen Mystik, ebenso aber auch auf jene nicht weniger zahlreichen und bedeutenden Arbeiten zur Dichtung in mancherlei islamischen Sprachen, worauf wir später noch zurückkommen. Die Erfahrung der Schönheit der Schöpfung und der durch sie geweckten Sehnsucht musste sich in der Türkei notwendig auch mit einer großen Gestalt verbinden, jener Dschalaluddin Rumis, des Gründers des Ordens der Tanzenden Derwische in Konya. Frau Schimmels immer noch anhaltende Begeisterung für Rumi hat die schönsten Früchte gezeitigt. Ich komme darauf zurück, möchte an dieser Stelle aber einen Aufsatz erwähnen, der erst viele Jahre später erschien, zweifellos aber auf jene Jahre zurückgeht: "A Spring Day in Konya According to Jalaloddin Rumi." (1975) Ein Hochgenuss ist ihr Vortrag über dieses Thema, begleitet von hinreißenden Lichtbildern, denn die Vielseitige ist auch eine glänzende Photographin. 

Ich erinnere mich einer gemeinsamen Reise damals 1957, aber auch späterer gemeinsamer Aufenthalte in der alten Residenzstadt der Seldschuken. Annemarie Schimmel führte mich in den Zauber der Welt der tanzenden Derwische ein, zeigte mir die stimmungsvolle, als Museum eingerichtete Türbe Rumis und machte mich mit dessen sympathischem Konservator Mehmet Önder bekannt, auch er ein lebenslanger Freund der Jubilarin. In den Türkei-Jahren wuchs jedoch noch ein weiteres lebensgestaltendes Interesse, ihre Liebe zu Pakistan, zum islamischen Indien, also zu jenem Gebiet, das Frau Schimmel in den 25 Jahren ihrer Lehrtätigkeit an der Harvard University in Cambridge Massachusetts, als Inhaberin des Lehrstuhls für Indo-Muslim Studies besonders betreut hat. 

Die Wunderblume Schimmel trieb also damals schon üppige Blüten, ihre frühesten Knospen reichen freilich in die Kindheit zurück, in jene Jahre, als die 15-Jährige in Erfurt anfing, Arabisch zu lernen. Sie konnte es bereits, als sie ihr Studium nach einem verfrühten Abitur in Angriff nahm. So erklärt es sich, dass sie ihren ersten Doktortitel mit 19 Jahren bei Richard Hartmann in Berlin erwarb. Wichtiger aber wurde für sie die Begegnung mit H.H. Schaeder, einem Gelehrten, der sie durch seine Genialität, seine geistes- und kulturgeschichtliche Betrachtungsweise stark geprägt hat. Schaeder war es auch, der sie - allerdings erst bei einer späteren Begegnung - angeregt hat, sich mit John Donne, dem großen Dichter der Shakespeare-Zeit, zu befassen, dessen Metaphern und Concetti so erstaunliche Parallelen zur Rhetorik islamischer Dichter aufweisen. Frau Schimmels unter dem Titel "Nacktes denkendes Herz" erschienene kunstvolle Übersetzung der Sonette und Liebesgedichte des metaphysical poet sind denn auch dem Andenken Schaeders gewidmet.

 Die Dissertation "Kalif und Kadi im spätmittelalterlichen Ägypten" erschien 1943 in der "Welt des Islam". Von Berlin führte ihr Weg nach Marburg, wo sie 1946, also mit 23 Jahren, habilitierte und 1951 ihren zweiten Doktorhut bei dem großen und von ihr sehr verehrten Religionshistoriker Friedrich Heiler erwarb. Dass es für diese geniale Frau dann doch keinen Lehrstuhl in Deutschland gab, zeigt, wie frauenfeindlich man damals an deutschen Universitäten noch war. So blieb paradoxerweise der Ausweg in ein islamisches Land, die Türkei.

Ich habe bei Frau Schimmels Wirken in Ankara verweilt, aus naheliegenden Gründen, und dabei Persönliches, Karriere und wissenschaftliche Arbeiten so miteinander verknüpft, wie sie das Leben zu verknüpfen pflegt. Um der gewaltigen Stofffülle besser Herr zu werden, möchte ich nun aber etwas systematischer vorgehen und daher zunächst das Biographische bis in die Gegenwart weiterführen und dann den Versuch wagen, das gewaltige Oeuvre in den wichtigsten Grundlinien zu umreißen.

1959 verließ Annemarie Schimmel Ankara und lehrte ab 1961 in Bonn, erhielt jedoch auch jetzt keinen Lehrstuhl, obwohl nun ihr außerordentliches Format niemandem mehr verborgen sein konnte. So blieb erneut der Weg ins Ausland, diesmal aber war es der wirklich ehrenvolle Ruf an die Harvard University, wo die Jubilarin bis zu diesem Frühjahr Indo-Muslim Studies gelehrt hat. Ein Eldorado war diese Stelle freilich auch nicht. Sie wohnte dort jeweils sehr bescheiden in einem kleinen College apartment, und sie wurde in Amerika nie recht warm. Bei aller enormen Bereicherung blieb das Dasein für sie dort, wie sie mit einem Terminus aus der Mystik ironisch zu sagen pflegte, eine ghurba gharbiyya, ein "westliches Exil" (als Gegensatz zum Osten, dem Ort des Lichts und der Heimat der Seele). Zu den großen Vorzügen dieses "Exils" gehörte jedoch, dass es ein sogenanntes "one-term arrangement" war, d.h. sie musste jeweils nur von Januar bis Juni lesen, so dass ihr sehr viel Zeit zum Schreiben, aber auch zum Reisen und zum Halten von Vorträgen blieb. Ich schätze, dass sie weit über tausend, vermutlich sogar mehrere tausend Vorträge gehalten hat, und jeder, der ihr einmal gelauscht hat, kennt die Faszination, die von diesen Vorträgen ausgeht. Frau Schimmel tritt, meist ohne Manuskript, oder nur mit einem Blatt, auf dem ein paar Zitate notiert sind, ans Pult oder den Rednertisch, schließt die Augen und beginnt dann in druckreifem Deutsch oder Englisch ihre Vorträge, - wenn es drauf ankommt, auch auf Arabisch oder Persisch oder Urdu - Vorträge, die sie von einem vor ihrem inneren Auge geöffneten Buch abzulesen scheint (Randnotiz der Jubilarin: "Urdu ist ein bisschen übertrieben - da brauche ich ein Manuskript!"). Ihre Vorbereitung besteht in einer kurzen Sammlung auf das Thema. Den Stoff, mit zahlreichen Details, Daten, Namen etc. hat sie im Gedächtnis. Glanzpunkte dieser Vortragstätigkeit waren etwa die Kevorkian Lectures in New York Anfang der achtziger Jahre oder die gerade jetzt eben in Edinburgh gehaltenen Gifford Lectures.

An ihr zuteil gewordenen Ehrungen - ihre Wohnung ist voller Orden und Auszeichnungen! - seien hier ebenfalls nur einige genannt: 1965 erhielt sie als erste den Friedrich-Rückert-Preis der Stadt Schweinfurt für ihre Übersetzungen orientalischer Dichtung, es folgte, ebenfalls als Auszeichnung für ihre Übertragungen, der Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt (1979), andere Preise betrafen ihre eigenen Forschungen, so die Goldene Hammer-Purgstall Medaille 1974, der Levi Della Vida Preis der UCLA (1987). Und zu den Ehrungen durch wissenschaftliche Institutionen traten die Staatsorden: bereits 1965 erhielt Annemarie Schimmel den Sitara-yi Qaid-i A'zam der pakistanischen Regierung, 1983 den Hilal-i Imtiyaz, den höchsten zivilen Orden, den Pakistan zu vergeben hat, 1989 das große Verdienstkreuz der BRD. Hinzu kommen eine Reihe von Ehrendoktoren, darunter drei pakistanische, sowie als einer der letzten jener der Universität Uppsala (1989), und, nicht zu vergessen, 1982 wurde eine Allee in Lahore nach ihr benannt, und heißt seither Annemarie Schimmel-Allee.

Von 1961 bis 1972 gab sie mit Albert Theile zusammen die deutsch-arabische Kulturzeitschrift Fikrun wa-Fann heraus. Von 1980-90 war sie Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Vergleichende Religionswissenschaft. Derzeit ist sie Präsidentin des Deutsch-Pakistanischen Forums, dessen Aktivitäten sie sogleich mit neuen Impulsen belebt hat, sowie Präsidentin der Europäischen Iqbal-Gesellschaft, Ehrenmitglied der DMG, der amerikanischen Middle Eastern Studies Association und der Societas Iranologica Europea. Ihr Werdegang ist je länger je mehr begleitet von den Trophäen internationaler Anerkennung, ihre Vortragsreisen in den Orient, aber auch in USA sind wahre Triumphzüge, über die ihre pünktlich zu Weihnachten an über 200 Adressaten ausgesandten Jahresrundbriefe jeweils mit Charme und Witz in leuchtenden Farben berichten.

Zahlreiche bedeutende Menschen, Botschafter und Minister, Schriftsteller und Politiker, Religionswissenschaftler und religiöse Würdenträger haben in diesen Jahren ihren Weg gekreuzt, ich nenne nur die Namen von Gerschom Scholem und Mircea Eliade, Rudolf Pannwitz und Hermann Hesse, Bhutto und Zia ul-Haqq, und natürlich auch Benazir Bhutto, die einmal in Harvard ihre Schülerin gewesen war.

Kommen wir nun aber zu ihrem Oeuvre und verschaffen uns zunächst einen Überblick:

Annemarie Schimmels Werk umfasst mehrere große Themenkreise: Im Zentrum stehen zweifellos ihre Arbeiten über die islamische Mystik; um sie gliedern sich in konzentrischen Kreisen ihre Arbeiten zum indischen Islam, die vor allem in ihrer Harvarder Zeit entstanden, sodann die wichtigen und umfangreichen Arbeiten zur islamischen Dichtung, schließlich solche zur Kunst, namentlich der Kalligraphie, übrigens ja Gebiete, die alle mehr oder weniger miteinander verknüpft sind. Zu den wissenschaftlichen Arbeiten treten Werke populärwissenschaftlichen Charakters wie das Buch über die Katzen oder eines über türkische Rätsel, sowie Erinnerungsbücher, etwa ihr großartiges Reisebuch "Pakistan. Ein Schloss mit tausend Toren" (1965) oder das sympathisch-schlichte Buch türkischer Erinnerungen "Mein Bruder Ismail" (1990). Neben diesen aus Eigenem geschaffenen Werken steht die Fülle der Übertragungen orientalischer Dichtung aus dem Arabischen, Persischen, Türkischen, Urdu, Paschto, Sindhi und Siraiki, stehen schließlich die eigenen Verse in deutscher und englischer Sprache. Wie soll von all dem in einer knappen Stunde geredet werden? Die Laudatio müsste sich über Tage erstrecken, wollte sie allen Werken gerecht werden.

Annemarie sagte mir einmal, sie könne an einem Tag bis zu 30 Schreibmaschinenseiten produzieren, und notfalls auch mehr. Man sieht, das führt zu schwindelnden Zahlen. (Was ihre Schreibmaschine angesichts einer solchen Beschwingung empfinden mag, ist in Gedichtform im Anhang mitgeteilt)

Wenden wir uns nun also zunächst ihren Mystik-Arbeiten zu. Hier sind drei Hauptwerke zu nennen: Da ist vor allem ihre erstmals 1974 erschienene Gesamtdarstellung der Mystik "Mystical Dimensions of Islam" zu nennen, ein fundamentales Werk, das in acht großen, weiter untergliederten Kapiteln wichtige Aspekte der islamischen Mystik und ihrer Entwicklung behandelt. Wie so manches andere ihrer Bücher, erhielt auch dieses bald ein deutsches Geschwister: "Mystische Dimensionen des Islam", das zunächst in einem kleinen Verlag mit dem schön mystisch tönenden Namen Qalandar-Verlag erschien, und dann 1985 in bibliophiler Aufmachung bei Eugen Diederichs, dem langjährigen Hausverlag der Jubilarin. Das Buch ist ein Standardwerk, setzt aber doch auch persönliche Akzente, namentlich in den Kapiteln (7) "Rose und Nachtigall: Persische und türkische mystische Dichtung" und (8) "Sufismus in Indo-Pakistan", sowie in den beiden Anhängen "Buchstabensymbolik in der Sufi-Literatur" und "Das weibliche Element im Sufismus", Akzente, die zugleich auch Keime späterer selbständiger Bücher darstellen, wie wir noch sehen werden.

Dem Buch über Mystik folgte ein großes Rumi-Buch mit dem trefflichen Titel "The Triumphal Sun" (1978), die triumphale Sonne, wie man auch eine Biographie über die Jubilarin selbst mit Fug und Recht nennen könnte. Es ist ein umfassendes Buch, das aber vor allem die Bildersprache Rumis auslotet, der die Verfasserin schon in einer kleinen Studie von 1949, einem ihrer frühesten Werke, nachgespürt hatte. Der deutsche Verwandte folgte diesmal noch im gleichen Jahr, wiederum bei Diederichs, doch der Titel ist hier eine Gedichtzeile Rumis: "Ich bin Wind und du bist Feuer", und vor wenigen Jahren gesellte sich diesem deutsch-englischen Duo wiederum ein östliches Pendant in Gestalt einer persischen Übersetzung mit dem aus der englischen Fassung übernommenen Titel Shokuh-i Shams zu. Doch damit nicht genug. Der deutsche Ableger erhielt unlängst ein weiteres, trotz des identischen Titels ganz neu formuliertes englisches Pendant:"I am Wind, you are Fire. The Life and Work of Rumi" (1992). Diese Studien fanden unlängst ihre vorläufige Krönung durch die vortreffliche Übertragung der schwierigen "Tischgespräche" Rumis (Fihi ma fihi) unter dem Titel "Von Allem und vom Einen" (1988).

Als drittes Werk ist ihr wiederum als Zwilling erschienenes Buch über die mystische Muhammad-Verehrung mit dem aus der Schahada entlehnten Titel "Und Muhammad ist sein Prophet" (1981), englisch "And Muhammad is His Messenger" (1985), zu nennen. Dem Buch ist ein Vers in Urdu, geschrieben von einem Hindu, vorangestellt:

Ungläubig mag ich oder gläubig sein –

Doch was ich bin, das weiß ja Gott allein:

Ganz will ich als ein treuer Diener mich

Dem großen Fürsten von Medina weih'n! 

Der Vierzeiler steht nicht nur für die im Buch behandelte Verehrung Muhammads durch die Muslime, er drückt auch der Autorin eigne Verehrung für den Propheten von Mekka aus. Kritischen Einwendungen meinerseits stellte sie jeweils ihr "Ich liebe ihn!" entgegen.

Zu nennen ist hier ferner ein Buch über mystische Dichtung, in dessen Titel "As Through a Veil" sich das mystische Verhüllen andeutet. Es entstand aus Vorträgen, die Annemarie Schimmel im Jahre 1980 für den American Council of Learned Societies an einem Dutzend amerikanischer und kanadischer Universitäten gehalten hatte.

Neben diesen Standardwerken stehen zahlreiche kleinere Arbeiten, aber immer noch im Umfang von Büchern, darunter an erster Stelle ihr schon 1968 erschienenes Büchlein über den großen arabischen Mystiker, den man mit Christus verglichen hat: "Al-Halladsch. Märtyrer der Gottesliebe. Leben und Legende", hauptsächlich eine Textsammlung, seit Jahren vergriffen und unlängst in neuer Gestalt und mit verändertem Titel "0 Leute, rettet mich vor Gott!" erneut aufgelegt. Und kürzlich erschien ein ähnliches Büchlein über einen türkischen Mystiker, den die UNESCO 1991 zum Mann des Jahres ernannte, den volkstümlichen Barden Yunus Emre, "Wanderungen mit Yunus Emre" (1989), während eines kurzen Kuraufenthalts in der Schweiz niedergeschrieben. In ihm hat Annemarie Schimmel die von ihr übersetzten Verse von Yunus Emre in eine kleine, anspruchslose Erzählung verwoben, die uns ins mittelalterliche Anatolien versetzt, uns Yunus auf seinen Reisen begleiten, bei seinen Freunden und Nächsten belauschen lässt.

Erwähnt seien an dieser Stelle auch zwei kleinformatige im Herder Verlag publizierte Bücher mit Übersetzungen: "Denn Dein ist das Reich. Gebete aus dem Islam" (1978) und die in der Reihe "Texte zum Nachdenken" erschienene Sammlung von Weisheitssprüchen des ägyptischen Mystikers Ibn 'Ata' Allah (13. Jh.), den man "das letzte Sufi-Wunder am Nil" genannt hat. Der Titel des Büchleins ist ein solcher Weisheitsspruch des Meisters: "Bedrängnisse sind Teppiche voller Gnaden" (1987).

Rühmend zu nennen ist schließlich eine umfangreiche Anthologie mystischer Texte mit dem Titel "Gärten der Erkenntnis" (1982). Unter den vierzig sufischen Meistern, die dieses "Lese- und Lebensbuch" (so auf dem Buchrücken) vorstellt, be­finden sich auch einige Inder. Begeben wir uns nun also mit der Autorin in ihre indischen Gärten und wenden uns damit dem zweiten großen Themenkreis ihres Oeuvres zu.

Wie oben gesagt, entfaltete sich schon früh Frau Schimmels Interesse für den indo-islamischen Dichter, Philosophen und Politiker Muhammad Iqbal, den "geistigen Vater Pakistans". 1957, also noch in den Türkei-Jahren, erschien ihre treffliche Übertragung seines wichtigsten Werkes, des Ewigkeitsbuchs, das eine Art moderner Verwandlung der Himmelfahrt des Propheten darstellt, 1958 eine kommentierte türkische Prosa-Übersetzung desselben Werkes; und 1963 folgte ihr englisch geschriebenes Buch über Iqbal mit dem wiederum sehr poetischen Titel "Gabriel's Wing", auch dieses ein Standardwerk, das von seiner Gültigkeit heute, nach über 30 Jahren, nichts eingebüßt hat. Pünktlich zu seinem 100. Geburtstag 1977 brachte sie eine deutsche Auswahl aus dem Gesamtwerk, "Die Botschaft des Ostens", heraus, und kürzlich erschien als Taschenbuch der längst erwartete deutsche Bruder zu "Gabriel's Wing", inhaltlich allerdings völlig neu gestaltet, "Muhammad Iqbal - Prophetischer Poet und Philosoph" (1989).

Von diesem modernen indo-islamischen Dichter, der gleichzeitig die Aneignung einer neuen Sprache, des Urdu, bedeutete, drang Annemarie Schimmel zu früheren Urdu-Dichtern vor. Da war zunächst der faszinierende Vorläufer Iqbals Asadullah Ghalib, dessen schwierige, düster glühende, oft aber auch ironische Dichtung sie in einem hierzulande leider wenig bekannten, von der Ghalib Academy in New-Delhi publizierten Werk erschloss, in dem sie die Rolle des Feuers, aber auch die des Tanzes, in der Bildersprache Ghalibs untersuchte. Der reizvolle Titel lautet "A Dance of Sparks. Imagery of Fire in Ghalib's Poetry" (1979). (Randnotiz von A.S.: „Die  imagery of fire haben die Leute von der Ghalib Academy erfunden, ich hatte nur „Ghalib's imagery'") Es handelt sich hier also um ein Buch, das gleichzeitig in das nächste Kapitel, die Gruppe poetologischer Werke gehört. Doch nicht nur ein ekstatischer Funkentanz, auch alle jene Bilder, die vom Brennen und vom Verbrennen aus Liebe reden, werden erörtert. Das deutsche Pendant dieses Werkes ist diesmal nur ein weitläufiger Vetter, die kleine, im Arche-Verlag bibliophil publizierte Auswahl "Woge der Rose, Woge des Weins" (1971). Die sehr gründliche Einleitung zeigt ebenso wie das erwähnte englische Buch, wie intensiv sich die Autorin auch mit diesem Dichter befaßt hat. Ghalib war der größte Urdu-Dichter des 19. Jahrhunderts und ein wichtiges Vorbild für Iqbal. Er selber war stark beeinflusst von dem Dichter und Mystiker Mir Dard, und diesem Dichter wandte sich nun Annemarie Schimmel zu. Zwei Jahre nach "A Dance of Sparks" erschien ein weiteres umfangreiches Werk auf Englisch, betitelt "Pain and Grace. A Study of two Mystical Writers of Eighteenth Century India" (1976). Darin befasst sich die Autorin mit zwei großen indo-islamischen Mystikern des 18. Jahrhunderts, dem erwähnten Mir Dard von Delhi, der auf Urdu, und Schah 'Abdullatif von Bhit, der auf Sindhi gedichtet hat.

Es folgten, wiederum auf Englisch, einige gedrängte Übersichten der islamischen Literaturen Indiens: "Islamic Literatures of India" (1973), "Sindhi Literature" (1974), "Classical Urdu Literature" (1975), und sodann eine ausladende und profunde Gesamtdarstellung der Geschichte des islamischen Indien "Islam in the Indian Subcontinent" (1982), samt der kleineren deutschen Ausgabe "Der Islam im indischen Subkontinent" (1983).

Auch eine Aufsatzsammlung über Sindhi-Themen ist zu nennen, sowie die Einleitung zu dem prächtigen Bildband "Derviches du Hind et du Sind" mit den eindrücklichen Photographien des Ehepaars Sabrina und Roland Michaud (1991).

Zum Thema Indien gehören schließlich noch ein kunstgeschichtliches Werk, nämlich der in der Reihe "Iconography of Religions" erschienene, mit hoch interessantem Bildmaterial aus-gestattete Band "Islam in India and Pakistan" (1982), sowie einige Textsammlungen: die "Märchen aus Pakistan" (1980), die unter dem Titel "Liebe zu dem Einen" erschienenen "Texte aus der mystischen Tradition des indischen Islam" (1986), und das Bändchen "Unendliche Suche - Geschichten des Schah 'Abdul Latif von Sind" (1983).

In nahezu allen diesen Werken spielt neben der Mystik auch die Dichtung eine große Rolle. Annemarie Schimmel hat in ihrem Leben vermutlich hunderttausende von Versen gelesen und - in ihren Zettelkästen verzettelt. So kam ein einmaliges Register von den in islamischer Dichtung durch die Jahrhunderte im Kern weithin gleichbleibenden, aber auch immer neu abgewandelten Bildern, Vergleichen und Metaphern zustande, und es brauchte dann eigentlich nur den Entschluss, diesen bereits geordneten Speicher einmal wie ein Füllhorn auszuschütten und mit dem nötigen Zwischentext zu versehen, um ein neues, reizvolles Werk zu schaffen. So geschah es in dem Buch "Stern und Blume. Die Bilderwelt der persischen Poesie" (1984), dessen poetischer Titel ebenso auf zwei der wichtigsten Bildquellen orientalischer Dichterphantasie - Gestirnwelt und Flora - verweist wie auf den dem Buch als Motto vorangestellten Brentano-Vers

0 Stern und Blume, Geist und Kleid,

Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.

Der deutsche Bruder erblickte in diesem Fall das Licht der Welt früher als sein inzwischen ebenfalls erschienener, sehr viel gewichtigerer englischer Nachfolger, der den gleichfalls poetischen Namen "A Two-colored Brocade" (1992) erhielt. Er ist ausgestattet mit den in der deutschen Ausgabe fehlenden Stellennachweisen - sie zählen nach tausenden! - und einem nicht enden wollenden Index.

Von koranischen Themen über Bilder aus der Natur, bis zu solchen aus dem täglichen Leben, sowie gelehrten Bildern, z.B. aus dem Bereich der Medizin - ein Gutteil persischer Dichtung ist ja poesia docta - aus diesen und vielen ändern Bereichen sind hunderte von Vergleichen und Metaphern in ihrer Entwicklung vom frühesten, gleichsam nackten Auftreten bis zum concettoreichen indischen Stil erfasst und durch Beispiele aus dem Arabischen, Persischen, Türkischen und mehreren indo-islamischen Sprachen zitiert und erläutert.

Dichterverse sind es, die in der islamischen Welt immer wieder in einer der herrlichen Zierschriften geschrieben wurden; und so ergab sich für Frau Schimmel aus der Beschäftigung mit der Poesie fast von selber jene mit der Kalligraphie. Schon 1970 erschien in der gerade erwähnten Reihe "Iconography of Religions" der schmale Band "Islamic Calligraphy", woraus später ein umfangreicheres Buch hervorging, basierend auf einer im Frühjahr 1982 am Kevorkian Institute for Near Eastern Studies der New York University gehaltenen Vortragsreihe, mit dem Titel "Calligraphy and Islamic Culture" (1984). Darin werden die zahlreichen Facetten der Schriftkunst und ihre Verflechtungen mit der islamischen Kultur ausführlich dargelegt, angefangen bei den verschiedenen Schriftstilen, über die gesellschaftliche Stellung der Kalligraphen bis hin zur mystischen Deutung der Schrift und der einzelnen Lettern, sowie deren Verwendung in der Bildersprache der Dichtung vom Alif des geraden Wuchses bis zum Sad der Schmachtlocken oder dem Mim des kleinen Mundes der Geliebten.

Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Professor Schimmel seit vielen Jahren auch als Beraterin für islamische Kunst am New Yorker Metropolitan Museum gewirkt hat, eine wahrhaft beneidenswerte Tätigkeit, wenn man bedenkt, wie viele herrliche Manuskripte dort durch ihre Hände gegangen sind. Für Kunstbände über islamische Miniaturen, z.B. jene von Stuart Cary Welch, hat sie die Gedichte auf den reproduzierten Miniaturen ins Deutsche und Englische übertragen.

Das führt uns nun auf ein letztes großes Arbeitsgebiet der Jubilarin: Die Übersetzertätigkeit. Wie ich schon erwähnte, hat Annemarie Schimmel bereits in jungen Jahren eine Auswahl des Dichters John Donne angefertigt und hier ihre Meisterschaft im Übertragen schwieriger poetischer Formen wie namentlich des Sonetts unter Beweis gestellt. Bewundernswert an dieser erst sehr viel später publizierten Anthologie ist auch die Einleitung, die wohl ein Anglist nicht fachgerechter hätte schreiben können.

Überwältigend groß ist die Zahl ihrer Übertragungen orientalischer Dichtung. So gibt es einen ganzen Band türkischer Dichtung von den Anfängen bis in die Gegenwart, "Aus dem goldenen Becher" (Istanbul 1973), wiederum mit einer profunden Einleitung. Bei Reclam erschien vor vielen Jahren bereits ihre Anthologie aus dem Diwan des Rumi, und ihr entsprossten unlängst zwei bibliophil gestaltete Bändchen, ein englisches mit dem Titel "Look! This is Love" (1991), das auf 100 kleinformatigen Seiten meisterhaft in diese von der Autorin inzwischen wie Deutsch beherrschte Sprache übersetzte Ghaselen und Vierzeiler präsentiert und ein deutsches mit dem analogen Titel "Sieh, dies ist Liebe!" 1975 überraschte Professor Schimmel ihre Freunde und ihren Leserkreis mit einer Anthologie zeitgenössischer arabischer Lyrik von 150 Seiten. Schließlich fasste sie in einem gewaltigen Füllhorn eine Auslese aller ihrer früheren Übertragungen aus acht orientalischen Sprachen, nämlich Arabisch, Persisch, Türkisch, Urdu, Sindhi, Siraiki, Paschto und Pandschabi, zusammen in dem bei Diederichs erschienenen Band "Nimm eine Rose und nenne sie Lieder" (1987). Der Titel ist einem Gedicht des großen, gegenwärtig an der Universität Genf lehrenden syrischen Lyrikers Adonis entnommen.

Wir haben eine bereits sinnverwirrende Fülle von Büchern genannt und doch gibt es weitere Titel zu erwähnen, die sich in die bisherigen Sachgruppen nicht einordnen lassen. Dazu gehört vor allem ihre kürzlich bei Reclam erschienene Einführung in den Islam (Universal-Bibliothek 8639), von ihr selbst ins Englische übersetzt und erschienen bei SUNY Press, Albany, 1992, die man füglich auch an den Anfang der Übersicht hätte stellen können. Sodann ein Werk, das zu den Lieblingskindern der Jubilarin gehört, bei seiner Produktion ihr aber viel Ärger gemacht hat, wie das Lieblingskinder manchmal zu tun pflegen. Es handelt sich um das Buch "Islamic Names" (1989), dessen reizvollstes Kapitel jenes über Spitznamen sein dürfte, das aber auch über die religiösen und kulturellen Hintergründe der Namengebung im Islam Aufschluss gibt, ein Kapitel über Mädchennamen enthält und im 30-seitigen Index an 2500 Namen aufführt. Die deutsche Version ist jüngst erschienen unter dem Titel "Von Ali bis Zahra. Namen und Namengebung in der islamischen Welt" (1993). Voraus ging ein Büchlein speziell über türkische Namen: "Herr Demirci heißt einfach Schmidt" (1992). Und es gehört dazu ein weiteres Lieblingskind der Verfasserin, "Das Mysterium der Zahl", ein Adoptivsohn gewissermaßen, denn es hatte ursprünglich einen andern Verfasser (F.C. Endres), verdankt in seiner jetzigen Form (1984) aber den Löwenanteil Frau Schimmels intensiver Bearbeitung und soll im übrigen demnächst den obligaten englischen Bruder erhalten.

Es gehören dazu auch kleine funkelnde Perlen, wie etwa ein Büchlein über türkische Rätsel, ihr oben erwähnter Bestseller über die orientalische Katze, oder ein als Heft gedruckter Vortrag über die Rose, kürzlich bei der Eröffnung des Rosenmuseums in Steinfurth gehalten, aus dessen Seiten einem der Duft östlicher Rosen betörend und tröstlich entgegenweht.

Es gehören dazu zahlreiche Aufsätze und Beiträge, wie etwa eine Untersuchung über den großen spanischen Mystiker Ramon Lull (gest. 1235), der von islamischer Mystik beeinflusst war, oder über Rilkes Verhältnis zum Islam, seine Gedichte auf den Propheten Muhammad, den er als Menschen der Tat und der Macht verehrte.

Zu erwähnen sind schließlich zwei von Annemarie Schimmel zu verschiedenen Zeiten übersetzte moderne Romane: von einem englischen Arabisten, Robert Irvin, stammt der ziemlich outrierte, im mamlukischen Ägypten spielende Roman "Der arabische Nachtmahr oder die Geschichte der 1002. Nacht" (1985), der bei der Übersetzerin natürlich Erinnerungen an ihre Dissertation wecken musste. Erinnerungen an Mystikerkreise könnten sie bewogen haben, den türkischen Derwisch-Roman "Flamme und Falter" von Yakub Kadri Karaosmanoglu ebenfalls zu verdeutschen, hätte sie diesen nicht bereits vor ihrer Türkeizeit übertragen: er erschien erstmals 1948 und 1986 in neuer Auflage bei Diederichs.

Das Interesse am Übertragen orientalischer Dichtung und die Fülle gelungener Übertragungen stellt Annemarie Schimmel in die Reihe geistiger Nachfahren des großen deutschen Orientalisten, Dichters und Übersetzers Friedrich Rückert, ja recht eigentlich ihm an die Seite, und kein Träger des nach ihm benannten Preises ist seiner würdiger als eben Annemarie Schimmel. Sie selber hat sich nicht nur seit je in der Nachfolge Rückerts gesehen, sondern sich frühzeitig auch für Leben und Leistung des Erlanger Dichter-Gelehrten interessiert. So gab sie bereits 1963 einen Band "Orientalische Dichtung in der Übersetzung Friedrich Rückerts" heraus, Rückerts Sa'di-Übertragungen und eine Auswahl seiner unübertrefflich genialen Verdeutschungen der Makamen erschienen, von ihr herausgegeben, bei Reclam. Und diese Rückert-Aktivitäten erhielten natürlich im Rückertjahr 1988, anlässlich der 200sten Wiederkehr seines Geburtstags, erneuten Auftrieb. Annemarie Schimmel brachte nicht nur ein treffliches Lebensbild über ihren geistigen Ahnherrn (1987), sondern auch eine vorzügliche 2-bändige Auswahl - Umfang an 750 Seiten! - aus dem poetischen Gesamtwerk, mit einer Fülle gelehrter Anmerkungen und Verweise heraus, die jedem Germanisten Ehre machen würden (1987).

Die Übersicht wäre unvollständig, würde ich zum Schluss nun nicht auch noch von ihren eigenen Gedichten sprechen. Zunächst sei erwähnt, dass Annemarie Gereimtes gewissermaßen ständig en passant von sich gibt: Witzige Nonsens-Gedichte, einfallsreiche Limericks, scharfzüngige Epigramme. Doch hier soll von ihrer ernsthaften Dichtung die Rede sein. Es handelt sich um zwei schmale Bändchen, das eine, unter dem Titel "Lied der Rohrflöte" 1940 erschienen, enthält feinsinnige Ghaselen und Vierzeiler im persischen Stil, inhaltlich handelt es sich um ein Wechselgespräch zwischen Meister und Jünger, Gott und dem liebenden Herzen. Das andere, "Mirror of an Eastern Moon" (1978), enthält englische Gedichte über orientalische Themen, nun aber in moderner, weithin reimloser Form, auch dieser Band enthält Stücke von großer poetischer Schönheit, z.B. Briefe berühmter Liebender und Geliebter, etwa Madschnuns an Laila und Lailas an Madschnun, Farhads an Schirin und Schirins an Farhad, Zulaichas an Yusuf und Yusufs an Zulaicha.

So gilt für die Gedichte, was auch für das gesamte wissenschaftliche Werk von Frau Schimmel gilt: Sie erwachsen aus dem innigen Sich-Versenken, aus dem Einswerden mit dem Gegenstand, hier den Gestalten großer Liebender, aber auch etwa mit dem unsterblichen Chiser in dem bedeutenden Gedicht "Khizer's Complaint", das auch als eine Beschreibung ihrer eigenen rastlosen Tätigkeit zum Wohl der Menschheit interpretiert werden kann.

Denn darin darf und muss nun meine Laudatio gipfeln. Annemarie Schimmel hat alles, was sie geschrieben hat, als Dienende einer großen Idee, der Idee der Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern, Kulturen und Religionen geschrieben, getreu jenem von ihr gern zitierten Motto Rückerts, das da lautet: "Weltpoesie ist Weltversöhnung"

Annemarie Schimmel hat Weltpoesie übertragen, ja sie hat die islamische Welt vor allem durch das Medium der Poesie gesehen, und damit alles, was am islamischen Orient anmutig, faszinierend und liebenswürdig ist, für uns Lebende, aber auch für kommende Generationen in Worte, den ansprechend klaren Stil ihrer Rede gefasst. Sie verfügt auf ihre Weise über das, was man in der islamischen Tradition "Erlaubten Zauber" (sihr-i halal) bezeichnet, jene geheimnisvolle, übermenschliche Mächtigkeit des Vollkommenen Menschen. Wie viel Wunderbares hat sie gezaubert: Wege, Brücken, Schlösser, Gärten, Abglanz göttlicher Schönheit..!

Dafür liebe Annemarie, liebe Cemile, gebührt Dir unser aller Dank, unser aller Verehrung! Mögest Du noch lange so begnadet weiter wirken, weiter zaubern dürfen, as-sihr al-halal min ibda'al-djalal. "Erlaubter Zauber ist ein Ausdruck göttlicher Mächtigkeit".

J.C. Bürgel

 

     
 

 

Anhang: zwei Huldigungsgedichte auf Annemarie Schimmel

ANNEMARIE SCHIMMELS SCHREIBMASCHINE SPRICHT IN DER 'SPRACHE DES ZUSTANDS':

 

Ich bin nur eine Schreibmaschine,

das heißt: ich klappre nur, ich diene.

Nun aber wem? Das ist kein Strunk,

kein Kohlkopf mit verdroßner Miene,

Auch kein blasiertes Fischgesicht

und keine Wissenschaftsruine!

Die auf mir schreibt, so daß es summt

in mir, als sei ich eine Biene,

Ich nennte sie wohl eine Fee,

wenn sie mir nicht als Mensch erschiene!

Mensch ja, jedoch von Geist beschwingt,

manchmal bewegt der die Gardine,

Noch öfter braust er wie ein Zug;

dann tanze ich wie eine Schiene,

Ein ganzes Heer ist in dem Zug

von Geistern, ihre Paladine,

AU die Muhammad, Dard, Mansur,

die Schams- und die Dschalaluddine..

Ich töne nur, ich diene nur,

doch wie des Meisters Violine.

So geht ihr Geist durch mich hindurch,

das Gold aus ihrer reichen Mine,

Füllt Blatt um Blatt und Buch um Buch,

verklärt Diwane und Kamine

Und dringt in Herzen, um die Welt,

ihr Lied, das mächtige, divine.

 

J.C.B.

 

 

CEMI LE

Verzeih mir, meinem Federkiele,

Cemile, freundliche Cemile!

wenn ich Dir sing im alten Stile,

Cemile, lauschende Cemile!

Du bist die Blume groß, vollkommen

auf dem zerbrechlich-ranken Stiele,

Cemile, zierliche Cemile!

Wie wär ich froh, wenn Dir ein Reim

in meinem Lied auf Dich gefiele!

Cemile, fordernde Cemile!

Bist unsres Tanzes Fee, verwandelst

zum Festsaal unsre karge Diele,

Cemile, wirbelnde Cemile!

Gewaltig segelst du; wir andern

sind Boote nur in Deinem Kiele,

Cemile, stürmische Cemile!

Die Vögel singen Dir, Du streichelst

die Katzen, segnest ihre Spiele,

Cemile, liebende Cemile!

Und das gefürchtete Gezücht,

Du zähmst es, Tiger, Krokodile,

Cemile, mächtige Cemile.

Du bist die Führerin, von Dir

beschwingt gelangen wir zum Ziele,

Cemile, fürstliche Cemile!

Von Dir erleuchtet, finden wir

zum Einen Licht durchs bunte Viele,

Cemile, göttliche Cemile!

 

J.C.B.

 

 

     

© Johann Christoph Bürgel

Jahrgang 1931

Professor em. für Islamwissenschaft an der Universität Bern

 

Der Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages entnommen aus:

"Gott ist schön und Er liebt die Schönheit", Festschrift für Annemarie Schimmel zum 07. April 1992, 

hrsg. von Alma Giese und J. Christoph Bürgel, Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bern 1994

 

 

 

(Quelle: http://www.weltreligionen-und-mystik.de   )