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Meister Eckhart 

 

PREDIGT 68 

 

 

Scitote, quia prope est regnum dei (Luc. 21,31).

 

Unser Herr spricht: >Wisset, dass das Reich Gottes euch nahe ist< (Luk. 21,31). Ja,>das Reich Gottes< ist in uns, und Sankt Paulus sagt, dass >unser Heil näher bei uns ist, als wir glauben< (Röm. 13,11).

 

>Wissen< sollten wir nun zum ersten, wie >das Reich Gottes< uns >nahe< ist; zum andern, wann >das Reich Gottes< uns >nahe< ist. Darum müssen wir den Sinn davon >wissen<. <Denn> wäre ich ein König, >wüsste< es aber selber nicht, so wäre ich kein König. Hätte ich aber den festen Glauben, dass ich ein König wäre und wähnten das alle Menschen mit mir und wüsste ich für gewiss, dass alle Menschen es wähnten, so wäre ich ein König, und so wäre der ganze Reichtum des Königs mein, und nichts davon gebräche mir. Diese drei Dinge gehören notwendig dazu, wenn ich ein König sein soll. Gebräche mir aber eines von diesen drei Dingen, so könnte ich kein König sein. Ein Meister sagt - und so auch unsere besten Meister -, die Seligkeit liege daran, dass man erkenne und >wisse<, und es besteht ein nötigender Drang nach Wahrheit. Ich habe eine Kraft in meiner Seele, die Gottes ganz und gar empfänglich ist.

 

Ich bin des so gewiss, wie dass ich ein Mensch bin, dass mir nichts so >nahe< ist wie Gott. Gott ist mir näher, als ich mir selber bin; mein Sein hängt daran, dass mir Gott >nahe< und gegenwärtig ist. So auch ist er es einem Steine und einem <Stück> Holz, sie aber >wissen< nichts davon. >Wüsste< das Holz um Gott und erkennte es, wie >nahe< er ihm ist, so wie der höchste Engel dies weiß, so wäre es ebenso selig wie der höchste Engel. Und darum ist der Mensch seliger als ein Stein oder ein (Stück) Holz, weil er Gott erkennt und >weiß<, wie >nahe< ihm Gott ist. Und um soviel seliger bin ich, je mehr ich das erkenne, und um soviel weniger bin ich selig, je weniger ich dies erkenne. Nicht dadurch bin ich selig, dass Gott in mir ist und dass er mir >nahe< ist und dass ich ihn habe, sondern dadurch, dass ich erkenne, wie >nahe< er mir ist und dass ich um Gott >wisse<. Der Prophet spricht im Psalter: >Ihr sollt nicht unwissend sein wie ein Maultier oder ein Pferd< (Ps. 31,9). Ein anderes Wort spricht Jakob der Patriarch: >Gott ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!< (1.Mos. 28, 10). Man soll um Gott >wissen< und soll erkennen, dass >Gottes Reich nahe ist<.

 

Wenn ich über >Gottes Reich< nachdenke, dann lässt mich das oft verstummen, dass es so groß ist; denn >Gottes Reich<, das ist Gott selber mit seinem ganzen Reichtum. >Gottes Reich< ist kein kleines Ding. Stellte man sich alle Welten vor, die Gott erschaffen könnte: das ist >Gottes Reich<. Ich pflege zuweilen ein Wort zu sagen: In welcher Seele >Gottes Reich< sichtbar wird und welche >Gottes Reich< als ihr >nahe< erkennt, der braucht niemand zu predigen noch Belehrung zu geben; sie wird dadurch belehrt und des ewigen Lebens versichert; und die weiß und erkennt, wie >nahe< ihr »Gottes Reich< ist. Und die kann sagen, wie Jakob sagte: >Gott ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht<; nun aber weiß ich's.

 

Gott ist in allen Kreaturen gleich >nahe<. Der weise Mann sagt im (Buche) Ecclesiasticus: Gott hat sein Netz, seine <Fang->Stricke ausgebreitet über alle Kreaturen (vgl. Os. 7,12), so dass man ihn in einer jeglichen finden kann, dergestalt dass, wenn man das alles <d. h. das mit allen Kreaturen gefüllte Netz> dem Menschen aufpacken könnte, er darunter Gott ins Auge fasst und darunter Gott erkennt. Das <nun> sagt ein Meister: Der erkennt Gott recht, der ihn in allen Dingen gleicherweise erkennt. Ich habe auch einmal gesagt: Dass man Gott in Furcht dient, das ist gut; dass man ihm in Liebe dient, das ist besser; dass man aber die Liebe in der Furcht zu fassen vermag, das ist das Beste. Dass ein Mensch ein ruhiges Leben habe, das ist gut; aber dass ein Mensch ein mühevolles Leben mit Geduld ertrage, das ist besser; dass man aber Ruhe habe im mühevollen Leben, das ist das Beste. Ein Mensch gehe übers Feld und spreche sein Gebet und erkenne Gott, oder er sei in der Kirche und erkenne Gott: erkennt er Gott mehr darum, weil er an einer ruhigen Stätte weilt, wo es Gewohnheit ist, so kommt das von seiner Unzulänglichkeit her, nicht aber von Gottes wegen; denn Gott ist gleich in allen Dingen und an allen Stätten und ist bereit, sich in gleicher Weise hinzugeben, soweit es an ihm liegt; und der (nur) erkennt Gott recht, der ihn gleichmäßig (= in gleicher Weise) erkennt.

 

Sankt Bernhard spricht: »Woher kommt es, dass mein Auge den Himmel erkennt und nicht meine Füße? Das kommt daher, weil mein Auge dem Himmel mehr gleicht als meine Füße«. Soll (nun) meine Seele Gott erkennen, so muss sie himmlisch sein. Was aber bringt die Seele dahin, dass sie Gott in sich erkenne und >wisse<, wie >nahe< ihr Gott sei? Die Meister sagen, dass der Himmel keinen fremden Eindruck empfangen kann; keine peinvolle Not vermag so auf ihn einzudrücken, dass <es> ihn aus der Bahn zu bringen vermöchte. So auch muss die Seele, die Gott erkennen soll, so gefestigt und gestetigt sein in Gott, dass nichts sich in sie einzudrücken vermag, weder Hoffnung noch Furcht, weder Freude noch Jammer, weder Liebe noch Leid noch irgend etwas, das sie aus der Bahn zu bringen vermöchte.

 

Der Himmel ist weiterhin an allen Orten gleich fern von der Erde. So auch soll die Seele gleich fern sein von allen irdischen Dingen, so dass sie dem einen nicht näher sei als dem andern. Wo die edle Seele ist, da soll sie sich gleich fernhalten von allen irdischen Dingen, von Hoffnung, von Freude und Jammer; was es auch sei, das soll ihr völlig entrückt sein. Der Himmel ist auch rein und klar ohne alle Flecken, wenn man vom Monde absieht. Die Meister nennen ihn eine Hebamme des Himmels, das Unterste (dicht) bei der Erde. Den Himmel berührt weder Raum noch Zeit. Alle körperlichen Dinge haben darin keine Stätte; und wer die Schrift zu ergründen vermag, der erkennt das wohl, dass der Himmel keine ihn bestimmende Statt (= Ortung) hat. Er steht auch nicht innerhalb der Zeit; sein Umlauf ist unglaublich schnell. Die Meister sagen, sein Lauf ist zeitlos; von seinem Laufe aber kommt die Zeit. Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist Eines. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn erkennen oberhalb von Zeit und Raum; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese irdischen mannigfaltigen Dinge es sind; denn Gott ist Eines. Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie auf nichts in der Zeit sehen; denn solange die Seele der Zeit oder des Raumes oder irgendeiner Vorstellung dergleichen bewusst wird, kann sie Gott nicht erkennen. Wenn das Auge die Farbe erkennen soll, so muss sie vorher aller Farbe entblößt sein. Ein Meister sagt; Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie mit nichts etwas gemein haben. Wer Gott erkennt, der erkennt, dass alle Kreaturen ein Nichts sind. Wenn man eine Kreatur gegen die andere hält, so ist sie schön oder doch etwas; stellt man sie aber Gott gegenüber, so ist sie nichts.

 

Ich pflege zuweilen zu sagen: Soll die Seele Gott erkennen, so muss sie sich selbst vergessen und muss sich selbst verlieren; denn, erkennte sie sich selbst, so erkennte sie Gott nicht; in Gott aber findet sie sich wieder. Indem sie Gott erkennt, erkennt sie sich selber und alle Dinge, von denen sie sich geschieden hat, in ihm. In dem Maße, in dem sie sich davon (= von sich selbst und allen Dingen) geschieden hat, erkennt sie sich selbst völlig. Soll ich die Gutheit wahrhaft erkennen, so muss ich sie da erkennen, wo sie die Gutheit in sich selbst ist, nicht wo die Gutheit zerteilt ist. Soll ich das Sein wahrhaft erkennen, so muss ich es erkennen, wo das Sein in sich selbst ist, das heißt: in Gott. Dort erkennt sie das volle Sein. Wie ich wohl früher schon gesagt habe, dass in Einem nicht die ganze Menschheit steckt, denn ein Mensch ist nicht alle Menschen. Dort aber (= in Gott) erkennt die Seele die ganze Menschheit und alle Dinge in dem Höchsten, denn sie erkennt sie dort nach dem Sein. Wohnte ein Mensch in einem schön ausgemalten Hause, so könnte ein anderer, der nie hineinkam, wohl Aussagen darüber machen; jener aber, der sich darin aufgehalten hat, >weiß< Bescheid darüber. Ich bin des ebenso gewiss, wie dass ich lebe und dass Gott lebt: Soll die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn erkennen oberhalb von Zeit und Raum. Und die Seele, die dahin gelangt und die über die fünf Dinge <die im voraufgehenden aufgewiesen wurden) verfügt, die erkennt Gott und >weiß<, wie >nahe Gottes Reich ist<, das heißt: Gott mit seinem ganzen Reichtum, und das ist >Gottes Reich<.

 

Die Meister werfen bedeutsame Fragen in der Schule darüber auf, wie es für die Seele möglich werde, dass sie Gott erkennen könne. Es kommt nicht von Gottes Gerechtigkeit noch von <seiner> Strenge, dass er viel heischt vom Menschen; es kommt von seiner großen Gebefreudigkeit, wenn er will, dass die Seele sich weite; auf dass sie viel empfange, damit er ihr viel geben könne.

 

Niemand soll denken, dass es schwer sei, hierzu zu gelangen, wenngleich es schwer und bedeutsam klingt. Es ist wohl wahr, dass es am Anfang etwas schwer ist mit dem Abscheiden <von sich und allen Dingen). Wenn man aber hineinkommt, so hat es nie ein leichteres noch lustvolleres noch liebenswerteres Leben gegeben, und Gott ist sehr darauf beflissen, allzeit bei dem Menschen zu sein, und belehrt ihn, auf dass er ihn da hinein bringe, wenn anders der Mensch folgen wollte. Nie hat ein Mensch nach irgend etwas so sehr begehrt, wie Gott danach begehrt, den Menschen dahin zu bringen, dass er ihn erkenne. Gott ist allzeit bereit, wir aber sind sehr unbereit; Gott ist uns >nahe<, wir aber sind ihm sehr fern; Gott ist drinnen, wir aber sind draußen; Gott ist (in uns) daheim, wir aber sind in der Fremde. Der Prophet spricht: Gott führt die Gerechten durch die engen Wege in die breite Straße (vgl. Weish. 10,10 ff.), auf dass sie in die Weite und in die Breite kommen.

 

Dass wir ihm alle folgen, auf dass er uns bringe in sich, wo wir ihn wahrhaft erkennen, dazu helfe uns Gott ! Amen.

   

  

Die Predigt wurde mit freundlicher Genehmigung des Kohlhammer-Verlages entnommen aus:

Meister Eckhart. Die deutschen Werke Band 3: Meister Eckharts Predigten.

Hrsg. und übersetzt von Josef Quint, 1976. Unveränderter Nachdruck 2000. 

 

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