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Dschalalladin Rumi

Auszüge aus dem Matnawi  

(Quelle: http://www.weltreligionen-und-mystik.de   )   

 

Das Lied der Rohrflöte

 

 

Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Mitleidvollen

 

Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt:

„Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Weinen gebracht.

Ich suche nach einer von der Trennung zerrissenen Brust, der ich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann.

Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein.

Vor jeder Gruppe in der Welt habe ich meine klagenden Noten gespielt, vor Unglücklichen und Frohen.

Jeder hat sich für meinen Freund gehalten, keiner hat meine inneren Geheimnisse gesucht.

Mein Geheimnis ist nicht weit von meiner Klage entfernt, doch es fehlt dem Auge und dem Ohr an Licht.

Der Körper wird nicht von der Seele verhüllt, die Seele nicht vom Körper, doch niemand darf die Seele sehen."

Diese Töne der Rohrflöte sind nicht aus Wind, sondern aus Feuer; wehe dem, der dieses Feuer nicht besitzt.

Das Feuer der Liebe ist in der Flöte, die Glut der Liebe liegt im Wein.

Die Flöte ist der Freund all derer, die von ihrem Freunde getrennt wurden; ihre Melodien zerreißen unsere Schleier.

Hat man jemals ein Gift und Gegengift wie die Flöte gesehen? Hat man je einen Verehrer und Liebenden wie sie gesehen?

Die Flöte erzählt von dem blutigen Pfad und berichtet über Mağnūns Leidenschaft.

Vertraut mit dem Sinn ist nur der Sinnenlose, die Zunge hat nur das Ohr zum Kunden.

In unserem Leid sind die Tage vergangen, unsere Tage reisen Hand in Hand mit den brennenden Schmerzen.

Wenn unsere Tage auch vergehen, lasse sie ziehen, es macht nichts, mögest Du nur bleiben, denn nichts ist heiliger als Du!

Nur ein Fisch wird nie von seinem Wasser satt; wer sein täglich Brot nicht hat, findet den Tag lang.

Das Unreife kann den Zustand des Reifen nicht verstehen, deshalb muss ich mich kurz fassen, lebe wohl!

 

 

Quelle: Moulana Galal ad-Din Rumi: Matnawi, 1.Buch, Verse 1-18 (Seite 39) Verlag Kaveh Dalir Azar, Rösrather Str. 692, 51107 Köln, 1. Aufl. 1999. 

Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

 

 
 

 

 

Wie der Mann aus Qazwīna die Gestalt eines Löwen in Blau auf seine Schultern tätowierte und es wegen der Nadelstiche bereute

 

Höre vom Erzähler diese Geschichte über die Sitten und Gebräuche der Bewohner von Qazwīn.

Sie tätowieren sich mit der Spitze einer Nadel in Blau auf Körper und Hand und Schultern, als ob sie keinen Schmerz verspüren.

Ein gewisser Mann aus Qazwīn ging zum Barbier und sagte: „Tätowiere mich, mache es kunstvoll."

„O ehrenwerter Herr", sagte er, „was für eine Figur soll ich tätowieren?" Er antwortete: „Stich die Gestalt eines wütenden Löwen ein.

Der Löwe ist mein Aszendent, tätowiere die Gestalt eines Löwen. Strenge dich an, stich viel von der blauen Farbe ein."

„An welcher Stelle", fragte er, „soll ich dich tätowieren?" Er sagte: „Stich die Zeichnung des Idols in mein Schulterblatt."

Sobald er die Nadel einstach, setzte der Schmerz sich in der Schulter fest,

Und der Held fing an zu stöhnen: „O Berühmter, du hast mich getötet; was für eine Figur tätowierst du?"

Er sagte: „Du hast mich doch gebeten, einen Löwen zu machen."

„Mit welchem Körperteil", fragte der andere, „hast du angefangen?"

„Ich habe mit dem Schwanz angefangen", sagte er. „O meine beiden Augen", rief er, „lass den Schwanz weg!

Schwanz und Rumpf des Löwen halten mir den Atem an; sein Rumpf hat meine Kehle fest verschlossen.

Lass den Löwen ohne Schwanz sein, o Löwenmacher, denn mein Herz erblasst unter den Stichen der Nadel."

Der Barbier begann an einer anderen Stelle einzustechen, ohne Angst, ohne Wohlwollen, ohne Gnade.

Er schrie: „Welches Glied ist das?" „Das ist sein Ohr, mein guter Mann", antwortete der Barbier.

„O Doktor", sagte er, „lass ihn keine Ohren haben; lass die Ohren weg und kürze das alles ab."

Der Barbier begann an einer anderen Stelle einzustechen; wieder fing der Mann aus Qazwīn an zu jammern.

Er sagte: „Welches Körperteil ist das jetzt an dieser dritten Stelle?" Er antwortete: „Das ist der Bauch des Löwen, guter Herr."

„Lass den Löwen ohne Bauch", sagte er, „für was braucht ein gesättigtes Bild einen Bauch?"

Der Barbier kam durcheinander und war ratlos; eine lange Zeit stand er mit seinen Fingern zwischen den Zähnen da.

Dann warf der Meister die Nadel auf den Boden und sagte: „Ist so etwas jemandem auf dieser Welt schon einmal passiert?

Wer hat einen Löwen ohne Schwanz und Kopf und Bauch gesehen? Gott selbst hat keinen solchen Löwen erschaffen."

O Bruder, ertrage den Schmerz der Stiche, damit du aus dem Gefängnis deiner ungläubigen Triebseele entkommst!

Denn Himmel und Sonne und Mond verneigen sich in Verehrung vor den Menschen, die der Existenz entkommen sind.

Sonne und Wolke gehorchen dem, in dessen Körper die ungläubige Triebseele gestorben ist,.

Denn sein Herz hat gelernt, die Kerze anzuzünden; die Sonne kann ihn nicht verbrennen.

Gott hat die aufgehende Sonne als sich von der Höhle wegneigendb beschrieben.

Der Dorn wird in den Augen des Besonderen, das zum Univer­sellen geht, vollkommen schön wie die Rose.

Was bedeutet Gott erhöhen und ehren? Sich selbst für niedrig und Staub halten.

Was bedeutet, Wissen über Gottes Einheit zu erwerben? Sich selbst in der Gegenwart des Einen zu verzehren.

Wenn du wie der Tag leuchten willst, verbrenne deine nachtgleiche Existenz.

Zerschmelze dein Sein im Sein des Seinsschaffenden wie das Kupfer in der Alchimie.

Du hast beide Hände fest um „ich" und „wir" geschlossen; alles Verderben wird durch Dualismus erzeugt.

 

Anmerkungen:

a Stadt im Iran, zeitweise Hauptstadt Persiens. Von dieser Stadt hat das Kaspische Meer seinen Namen

 b  Koranzitat: XVIII:17  


 Quelle: Moulana Galal ad-Din Rumi: Matnawi, 1.Buch, Verse 2981-3012 (Seite 221f) Verlag Kaveh Dalir Azar, Rösrather Str. 692, 51107 Köln, 1. Aufl. 1999. 

Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.


 

 

(Quelle: http://www.weltreligionen-und-mystik.de   )