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Gewöhnung an die Gewalt — Unterbrechung der Gewalt

 

 

Dorothee Sölle

 

 

 

 

 

Dem großen Thema „Religion und Gewalt" nähere ich mich von der gegenwärtigen westeuropäischen Situation der Mittelklasse aus. Unsere Gefahr hier scheint mir nicht der religiöse Fundamentalismus mit seiner latenten oder offenen Gewaltbereitschaft zu sein, sondern eine ganz andere, die ich die religiös-liberale „Gewöhnung an die Gewalt" nennen will (l). Gibt es eine Befreiung von dieser Gewöhnung und ist es möglich, den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen (2)? Und welche Spiritualität wäre dazu nötig (3)?

 

I

 

Die meisten Menschen, die ich kenne, stehlen oder morden nicht im unmittelbaren Sinn des Wortes, noch ist diese Versuchung für sie gegeben. Sie lassen jedoch zu, dass für sie und in ihrem Namen gestohlen und gemordet wird. Unsere wichtigste Beteiligung an der Gewalt ist die Gewöhnung an sie.

Die kritische Friedensforschung, vor allem Johan Galtung, hat bestimmte Grundstrukturen der Gewaltförmigkeit herausgearbeitet: Wo immer Menschen an der Befriedigung ihrer historisch möglichen Grundbedürfnisse gehindert werden, da wohnt kein Friede, da herrscht Gewalt; sie muss nicht notwendig ein handelndes Subjekt, einen Akteur haben. Galtung unterscheidet die „personale" oder „direkte" Gewalt, die von bestimmten Personen ausgeht, von der „strukturellen" oder „indirekten" Gewalt, die im System des Zusammenlebens eingebaut ist. Sie braucht keinen personalen Akteur, die ausführenden Organe tun nichts als „ihre Pflicht".

In Aufnahme dieser Ansätze geht es mir hier um eine eigenartige Dreiecksbeziehung zwischen drei Formen der Gewalt: der von unten, vielfach von gesellschaftlich machtlosen Jugendlichen unter achtzehn ausgehenden Gewalt, der Gewalt von oben, die wirtschaftlich und politisch motiviert ist und ein Monopol der Legitimität für sich beansprucht, und der Gewalt von innen, womit ich die Akzeptanz der Gewalt, die Gewöhnung an sie als das Normale meine.

Diese drei verschiedenen Formen der Gewalt stehen in einem komplexen Verhältnis zueinander. Die meisten Beobachter sind sich darüber einig, dass das Klima der Gewalt sich bei uns ausbreitet, wobei jedoch in der Regel nur an die Gewalt von unten, die sich z.B. gegen Ausländer richtet, gedacht wird. Sie wächst in der Tat eindeutig, während die Gewalt von oben mehrdeutig und verwirrend, beschwichtigend und verdrängend zunimmt. Die Mehrheit des Volkes hat sich an die Gewalt von unten erfreulicherweise nicht gewöhnt, ich denke etwa an die Lichterketten als eine symbolische Aktion des Nein zu Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Was mich bleibend beunruhigt, ist die Gewöhnung an die Gewalt von oben, d.h. die Akzeptanz von Wirtschafts- und Militärgewalt. Sie erlaubt es der Gewalt, in uns Wohnung zu nehmen.

Die Gewöhnung an die Gewalt von oben zieht die Gewalt von innen nach sich, womit ich die Unterwerfung unter die Gewalt, die Hinnahme militärischer Planung, die Abwesenheit eines menschlichen und eines ökologischen Bewusstseins meine. „Gewalt von innen" bedeutet, dass wir uns der Gewalt von oben unterwerfen, obwohl wir Gewalt von unten verabscheuen. Es ist die Kooperation der kleinen Leute, zu denen ich mich rechne, die der herrschenden Gewalt von oben erlaubt, sich als Ordnung, Friedensschutz, Demokratie usw. auszugeben. Wir bilden uns ein, an der Gewalt von oben partizipieren zu können, während wir uns in Wirklichkeit ihren Normen und Setzungen unterwerfen. „Hier atmet / noch ein Weilchen / der Frieden" schrieb Rose Ausländer vor Jahren. Heute kann der Frieden nicht mehr bei uns atmen, diese Zeit scheint vorüber.

 

Ein wesentliches Ziel der Gewalt von oben ist es, zur Gewalt von innen zu werden und so akzeptiert zu sein, dass Begründungen kaum mehr notwendig sind. Es ist schwer begreiflich, aber ein Faktum, dass die militärische Gewalt heute nach dem Zusammenbruch der östlichen Bedrohung weniger Rechtfertigung braucht denn je. Nachdem die NATO ihren Feind verloren hat, jongliert sie mit immer vageren Formulierungen und immer klareren Absichten. Volker Rühe sagte in seinen neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien: „In der postkonfrontativen Ära bleiben die Streitkräfte ein notwendiges sicherheitspolitisches Instrument, um Chancen wahrzunehmen und Risiken und Konflikte zu bewältigen."1 Als erstes Ziel nennt der Verteidigungsminister nichts Defensives mehr, die ganze Unterscheidung von Defensive und Offensive muss wegfallen. Auch die früher gern betonte Nichtangriffsfähigkeit wird durch den klareren Ausdruck „Chancen wahrnehmen" ersetzt. Wessen Chancen? Die neuen „immediate reaction forces" sind Ausdruck dessen, was man früher schlicht Kanonenbootpolitik nannte. Was dabei herauskommt, hat der Golfkrieg hinreichend bewiesen. Mit solchen „Krisenreaktionskräften" ist vor allem die Legitimationskrise der NATO beendet, wir wissen wieder, wofür wir nicht nur deutsche Waffen und Absatzmärkte, sondern auch deutsche Soldaten in aller Welt brauchen. Die Akzeptanz des Bellizismus ist gewachsen.

Wir mögen Gewaltlosigkeit als Norm proklamieren, aber das ist noch lange nicht das, was mit dem schönen Begriff „Gewaltfreiheit" gemeint ist. Der Wunsch, in gewaltlosen Verhältnissen arglos zu leben, bleibt naiv und verfällt gerade der Gewöhnung an die Normalität der Gewalt, von der Erich Fried spricht. Als wäre es so leicht, aus der alles beherrschenden Gewalt, auf die wir unser Leben gründen, zu kommen! Ich bin nicht gewaltfrei, sondern gefesselt an einen Lebenszusammenhang der Zerstörung anderer Geschöpfe, ich wohne immer schon im Hause der Gewalt.

Der Theologe und sächsische Justizminister Steffen Heitmann hat öffentlich bedauert, dass bei uns der Gewaltbegriff nur noch negativ verwendet werde. Das staatliche Gewaltmonopol sei eine hohe kulturelle Leistung. Die Zunahme nicht-staatlicher Gewalt hängt nach seiner Meinung damit zusammen, dass das staatliche Gewaltmonopol „in Frage gestellt und nur zurückhaltend ausgeübt" werde2. Das ist der Versuch einer — wie ich denke: allzu einfachen — Antwort auf die wachsende Gewalt, sie bedeutet im Klartext: staatliche Gewalt, mehr, besser ausgerüstete Polizei, mehr Gefängnisse und härtere Strafen. Eine Vision von einem anderen, weniger gewalttätigen Lebensstil ist aus diesem Denkansatz, der die Spirale der Gewalt bruchlos verinnerlicht hat, nicht zu erwarten.

 

II

 

Eine mögliche Befreiung von der Gewalt kann nur als zeitweilige Unterbrechung gedacht werden, das ist ein zweiter Schritt der Erkenntnis. Unterbrechung ist weniger als Aufhebung, ein bescheideneres, realistischeres Ziel. Die Friedensbewegung ist keineswegs nur ein netter Traum vom gewaltlosen Leben. Sie hat vielmehr ein klares Bewusstsein von der Realität der Gewalt, auch in uns selber. Diese Realität lässt sich in der vormessianischen Welt nicht aufheben, es kommt aber alles darauf an, sie zeitweilig zu unterbrechen. Nur im Bruch, der von den Opfern der Gewalt und denen, die sich mit ihnen solidarisieren, ausgeht, leuchtet die Chance auf, dass in einer bestimmten Situation Verhaltensänderung und in diesem Sinn Frieden möglich werden.

Die franziskanische Tradition hat eine Ur-Geschichte solcher Gewaltunterbrechung festgehalten. Bei Gubbio in Umbrien lebte ein gewaltiger Wolf, der Tiere und Menschen verschlang. Aus Angst vor ihm trauten sich die Bewohner nicht mehr aus der Stadt. Franziskus ging dem Wolf entgegen, seine Gefährten blieben aus Angst zurück. Der Wolf stürzte zähnefletschend auf ihn zu. Der Heilige sprach ihn als „Bruder Wolf" an und machte das Zeichen des Kreuzes über ihm. Der Wolf sperrte seinen schon geöffneten Rachen zu und ließ sich zu Füßen des kleinen unbewaffneten Mannes nieder. Franz sagte zu ihm: „Du bist hier jedermanns Feind. Ich aber möchte, Wolf, mein Bruder, dass Friede sei zwischen ihnen und dir." Er schließt dann eine Art Bund, in dem die Umwohner sich verpflichten, den Wolf zu füttern, damit er niemals mehr Hunger leiden muss, und der Wolf ihm, Pfote in Hand, verspricht, niemandem, weder Mensch noch Tier, mehr Schaden zuzufügen. Dieser Vertrag wird öffentlich besiegelt, der Wolf lebt noch zwei Jahre, von den Bürgern geachtet und von den Kindern geliebt.

Ich erzähle die Geschichte, um den Begriff Unterbrechung der Gewalt zu klären. Er trägt zwei Elementen des biblischen Denkens Rechnung, dem Realismus und der Hoffnungsfähigkeit. Er verleugnet die Realität der Kreisläufe nicht. „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären", heißt es bei Schiller im Wallenstein. Das Ziel des anderen Umgangs mit der Gewalt ist nicht, eine konfliktfreie Welt zu schaffen und möglichst alle Wölfe auszurotten. Doch es gibt auch die Unterbrechung ihrer Zwangsläufigkeit, die Entwaffnung, die Überraschung, die Bannung des Fluchs und die Möglichkeit, der alles beherrschenden Gewalt ein Nein entgegenzusetzen, das ihren absolut erscheinenden Zwang unterbricht.

Mir hat der Einstieg in gewaltfreie Aktionen gerade den Blick geschärft sowohl für das Netz der Gewalt, das uns in unserem Alltag gefangenhält, wie für eine zuvor ungekannte Freiheit. Das Netz für Augenblicke zu zerreißen, den Wind der Freiheit für Augenblicke zu spüren, ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die Menschen in der Gewaltbefreiung, der Entrüstung machen können. Die Freiheit definiert sich dann plötzlich neu, sie ist mehr als nur der Duft der weiten Welt, die für unseren Konsum geschaffen ist. Ihr wichtigster heutiger Name, ihr tiefstes Gebet geht um — Freiheit von der Gewalt.

Ein mich stärkendes Beispiel solcher zeitweiliger Unterbrechung der herrschenden Normalität ist die Arbeit der Südafrikafrauen der evangelischen Frauenarbeit. Sie haben in jahrelangem konsequentem Boykott die Früchte der Apartheid als unsere Form der Teilhabe an der Gewalt des Rassismus aufgedeckt. Sie gingen zu den Großmärkten und ließen sich beschimpfen und demütigen, wenn sie den Großhändlern zu erklären versuchten, dass ihre südafrikanischen Apfelsinen „nach Blut schmecken". Sie machten den Frauen beim Einkaufen klar, an welchen Stellen wir im Alltag der Gewalt zur Hand gehen oder sie unterbrechen können. Sie sprachen mit Bankdirektoren und Angestellten über die Investitionen, die nötig sind, das Unrechtssystem zu erhalten. Nichts an ihrem Verhalten war spektakulär oder medienwirksam, der Spott der Öffentlichkeit und die Nichtbeachtung durch die eigene Großinstitution der Kirche waren den Frauen sicher. Und doch haben sie an einem konkreten Punkt die Gewalt unterbrochen, an der wir alle durch Einkaufen und Konsumieren gewöhnlich Anteil haben. Es war nicht nur eine persönliche Verweigerung, sondern eine Einladung an alle, die Gewalt doch nicht mitzutragen. Der Boykott von Millionen von Menschen in der ganzen Welt, ich denke vor allem auch an die Schwarzen in den USA, hat dazu beigetragen, das Regime der Apartheid, als eine Form der Gewalt, unerträglich zu machen. Wir haben allen Grund zur Dankbarkeit für diese Art Befreiung. Traditionen solcher gelebter Gewaltunterbrechung sollen erinnert und gefeiert werden, gerade in den finsteren Zeiten der ununterbrechbar erscheinenden Gewöhnung.

Zugleich macht die Erinnerung uns aufmerksam auf die Tiefe der eigenen Verstrickung in die Gewaltstrukturen. Wo und wie können wir uns in Unterbrechungen einüben? Wie stark ist das Leiden an Gewaltstrukturen wie Rassismus, Waffenexporte, Menschenrechtsverletzungen, weltweite Militäreinsätze, Naturzerstörung? Von wann an reißt es uns aus der Gewöhnung an die Gewalt heraus?

Beim Nachdenken über die jugendlichen Rechtsextremisten fiel mir ein Projekt aus der Sozialarbeit ein, an dem Hephzibah Menuhin, die Schwester des berühmten Geigers, beteiligt war. Es ging um jugendliche Gewalttäter in einem Londoner Gefängnis. Die beteiligten Sozialarbeiter gingen von der Voraussetzung aus, dass negativer Nonkonformismus sich nicht durch Konformität bekämpfen lasse. Gewalttäter seien nicht durch Unterwerfung unter bestehende Normen und ihre anerkannte oder erduldete Gewalt zu verändern, sondern nur mit Hilfe einer anderen Art von Nonkonformismus, bei dem ihre Nicht-Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Realität respektiert und erhalten bleibe. Negativer Nonkonformismus sollte zum positiven Nonkonformismus werden und den Gefangenen nach der Entlassung eine neue Lebensperspektive bieten. Sie lernten, ihre Wut und ihre Verachtung der gesellschaftlichen Bedingungen nicht abzulegen oder zu verleugnen, sondern sie an die Adressen zu lenken, die tatsächlich Verantwortung tragen, für Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Sozialabbau einerseits, für Apathie, Selbstaufgabe und Selbstzerstörung andererseits. Die dumpfen Gefühle der Ohnmacht und der Lebensniederlagen sollten zu lebendigen Kräften werden.

Auch die Bibel empfiehlt bekanntlich nicht, die Schwerter zu vergraben oder zu verklappen, sondern sie umzuschmieden zu Pflugscharen. So arbeiteten die Entlassenen im selben Milieu, auf der Straße, und steckten ihre Kraft nicht in die Anpassung, sondern in das andere Leben, das sie in der Reproduktion der Gewalt auf dem falschen, dem kriminellen Weg gesucht hatten.

An diesem Beispiel habe ich besser verstanden, was die Forderung Jesu, die Feinde zu lieben (Matthäus 5,44), bedeutet. Sie ist an machtlose Gruppen, die innerhalb des sozialen Machtgefüges keine legalen Machtmittel haben, gerichtet. Sie ist nicht am Idealbild der römischen Herrscher orientiert, der sich in Milde, in clementia, dem unterworfenen Feind gegenüber herabneigt. Die Feinde zu lieben heißt auch nicht, die von der Gewalt Beschädigten und Beleidigten um die Aufgabe ihres Widerstands zu bitten. Feindesliebe ist gedacht aus der realen verzweifelten Situation der Machtlosen, die in einem gewaltfreien Widerstand kämpfen. „Der Starke kann dem Schwachen Liebe und Barmherzigkeit zuwenden (und umgekehrt). Feindesliebe jedoch praktiziert der Schwache dem Starken gegenüber. Lehren und fordern kann sie dann nur der am Widerstand Beteiligte .. ."3. Darum ist die beste Auslegung des Gebotes die, die aus einer sozialgeschichtlich vergleichbaren Situation kommt und sich an der ursprünglich biblischen orientiert. Martin Luther King appellierte an die „erbittertsten Gegner" mit den Worten: „Wir werden eure Fähigkeit, uns Leid zuzufügen, durch unsere Fähigkeit, Leid zu ertragen, wettmachen ... Tut uns an, was ihr wollt, wir wollen euch trotzdem lieben."

Nicht eine feindfreie Welt, in der die Wölfe ausgerottet werden, ist das Ziel, sondern eine Unterbrechung der Gewalt, in der Entfeindung als Versöhnung möglich wird. Der Wolf wird gezähmt, lässt sich nicht auch der Rassismus zähmen? Lassen sich die gefrorenen Bilder vom Erbfeind nicht auftauen, so dass Menschen die Andersheit der Anderen zu ertragen lernen?

Aggressivität hat zwei Gesichter: Sie ist ein notwendiger Lebensimpuls ebenso wie eine Zerstörungsmacht. Im Englischen hat das Wort „aggressive" eine konstruktive und eine destruktive Bedeutung. Im positiven Sinne verweist es auf Lebensenergie oder Intensität, eine vorwärtsdrängende Kraft oder Dynamik. Fehlt sie, etwa im intellektuellen Bereich, so wird die Person als verschlafen, fade, geistlos empfunden. Der lateinische Wortsinn von aggredi, auf etwas zugehen und angreifen, ist in solchem Sprachgebrauch lebendig. Diese konstruktive Aggressivität wurde in dem Londoner Resozialisierungsprojekt nicht geleugnet, die negative nicht einfach gebändigt oder zurückgenommen, die Therapie war vielmehr eine Umschmiedung der destruktiven blinden Aggression in einen Entwurf anderen Lebens hinein.

 

III

 

Wir brauchen eine andere politische Spiritualität. Es ist die Eigenart der Gewalt, dass sie uns an sich gewöhnt und zugleich die Hoffnung ins Exil treibt. Vor unseren Augen zerfallen die Erinnerung an ein anderes Leben und die Bilder von ihm. Die Gerechtigkeit — als der wichtigste Name für Gott, den die jüdischen und christlichen Traditionen artikuliert haben — und ihre Handlungskonsequenz, die Solidarität, sterben in unserem Land. Das „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters" (Ralf Dahrendorf) ist eine der politischen Konsequenzen dieser Zerstörung nicht nur einer Partei. Mit dem Zerfall des kommunitären Bewusstseins verringert sich auch die Fähigkeit zum Widerstand gegen Wirtschafts- und Staatsgewalt. Wir wissen alle, dass unsere Mutter, die Erde, stirbt, vor unseren Augen und durch uns. Wann geht uns der Atem aus? Wann japsen wir um Luft wie die Fische? Die wichtigste Veränderung, die wir brauchen, ist eine radikal andere Beziehung zur Schöpfung. Statt uns als Meister und Besitzer der Natur aufzuführen, sollten wir lernen, uns als Teil des Ganzen, als Kinder der Erde und als Geschwister der anderen Kreaturen zu begreifen.

Ich glaube nicht, dass eine solche Umkehr im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus und seiner Absage an die Religion möglich ist. Ich frage mich, wie, wann endlich, wo wir den aufrechten Gang lernen werden, die Verweigerung der Gewalt gegenüber, die Erziehung zur Gewaltfreiheit, die Spiritualität eines Friedens, der in irgendeinem Sinn schon in uns sein muss, ehe er so sichtbar wird, dass er ansteckt. Das milde Unbehagen der Mehrheit denen gegenüber, die Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einklagen und nicht aufhören, an diesen Fragen zu arbeiten, hat sicher verschiedene Gründe: Es ist eine schlechte Zeit für mehr Demokratie, mehr Partizipation, mehr plebiszitäre Elemente und Praxen, aber liegt einer der Gründe nicht auch in uns selber? Wir sind nicht sehr überzeugend, gleichwohl unsere Analysen klar sind und unsere Alternativen einleuchten.

Ich vermute, es hat mit einem tiefen Mangel an politischer Spiritualität zu tun, der innerhalb der Friedensbewegung an manchen Stellen aufgehoben worden ist — ich denke an Gottesdienste im Hunsrück vor den Kathedralen des Todes —, heute aber mehr denn je empfunden wird. Ich frage mich tatsächlich, ob es nicht stimmt: Nur wer niederknien kann, wird den aufrechten Gang lernen. Es geht mir nicht um eine christliche, gar kirchliche Vereinnahmung der ökopazifistischen Bewegung, wohl aber um eine Rückbesinnung auf die spirituellen Wurzeln, die uns nähren und ohne die wir in den intelligenten Zynismus, der eine Form der Gewöhnung an die Gewalt ist, zurückfallen.

Wir müssen lernen, unsere Ehrfurcht vor dem Leben sichtbar zu machen, in unseren Aktionen und in unseren politischen Forderungen. Ich vermute, dass der allgemeine humanistische Konsens, von dem viele in der Friedens- und Ökologiebewegung getragen waren, dieser liberale postreligiöse Humanismus, vor unseren Augen zerbröckelt. Er ist nicht mehr konsensfähig, er wird den Übergang in die Postmoderne und das neue Zeitalter der Gewalt nicht überleben. Die Gewöhnung an sie als das Normale ist im Zweifelsfall bereits viel weitergegangen, als wir ahnen. Darum muss der versteckte Idealismus, der uns trug, öffentlich werden, er muss Gestalt finden. Wir sollen unsere Wünsche und Sehnsüchte nicht nur heimlich in Stoßseufzern sammeln. Es gibt eine menschheitliche Sprache der Sehnsucht, warum sollten wir sie nicht neu lernen? Warum wagen wir nicht, auf einer Tagung, in der es um Entfeindung und Versöhnung geht, zu beten? Warum überschreiten wir die Grenze der Konventionalität, des wissenschaftlichen Gedankenaustausches nicht? Warum bilden wir uns immer noch ein, Religion sei Privatsache? Wir wissen doch schon lange, dass wir eine andere Spiritualität als die unserer Welt bitter nötig haben. Hin und wieder haben wir sie in kleinen Versammlungen schon aufleuchten sehen:

Lieder und Gesten, Befreiung, Geschichten von wunderbarer Heilung und von den Senfkörnern des anderen Lebens, Flurprozessionen und Aussendungs-Segnung für die, die in jugoslawischen Flüchtlingslagern arbeiten...

Der Glaube an den Frieden mit den Armen und mit der Erde und mit uns selber braucht Selbstausdruck und Überwindung der religiösen Sprachlosigkeit. Die Kommunikation wächst mit der Fähigkeit zur Expression. Ora et labora, bete und arbeite auf dem unfruchtbar gemachten, verwüsteten Feld unseres Landes! Wer könnte denn annehmen, dass für den Frieden mit uns selber und mit unserer Mutter, der Erde, das Arbeiten allein, die neuzeitlich- rationalistische Verkürzung des Lebens reichte?

Der schwarze südafrikanische Politiker Chris Hani hat unlängst vor seiner Ermordung an Ostern 1993 ein Interview gegeben. Er wurde gefragt, wie er denn die Weißen, die „schon lange eingesponnen in Macht und Privilegien leben", zusammenbringen wolle mit den Schwarzen. Seine Antwort hat mich sehr bewegt. Hani sagte: „Es ist möglich. Ich habe unendliches Vertrauen in Menschen. Ich weiß, dass Menschen korrumpiert werden können, wenn die Umstände danach sind. Sie können korrumpiert werden durch Indoktrination, durch Erziehung, durch das Bedürfnis nach Verteidigung ihrer Privilegien ... Ich bin ein Idealist. Ich glaube, wir alle haben es nötig, Idealisten zu sein. Ich glaube, wir sollten alle nach einer vollkommenen Gesellschaft streben, auch wenn wahrscheinlich die vollkommene Gesellschaft nicht realisiert werden kann. Warum sollten wir uns nicht inspirieren und befeuern lassen von dem, was Christen sich danach sehnen lässt, angenommen zu werden im Paradies, im Himmel, in dem es kein Leiden gibt?"4 Haben wir auch „unendliches Vertrauen in Menschen", in die Gleichgültigen und die Flott-beliebigen, in die Gewaltverseuchten und die Ängstlichen, in die Rüstungsprofiteure und Waffenhändler, in die Korrumpierten und die, die unser aller Privilegien auf Kosten der Armen und der Erde für ewig sichern wollen? Woher nimmt ein Mensch denn dieses Vertrauen und diese Kraft, wenn nicht aus dem Grund allen Lebens, den wir Gott nennen mögen oder das gemeinschaftliche Gute?

Das erleuchtete Selbstinteresse des Individuums, diese ethische Grundlage des religionsneutralen Kapitalismus, hat uns doch gerade dahin gebracht, wo wir jetzt sind! Es sind doch die Marktgesetze selber, die das Leben in Angebot und Nachfrage aufgelöst, eine Kosten-Nutzen-Mentalität erzeugt und die Konsumorientierung als Lebenssinn definiert haben. Die verschiedenen Formen der Gewalt sind Produkte solcher Konsumpädagogik. Sich ihr nicht zu unterwerfen, hieße den aufrechten Gang zu lernen. Werden die Minderheiten der reichen Welt zu so viel Umkehr in der Lage sein? Lassen sie sich entwöhnen und versöhnen? Nur wer niederknien kann vor dem Geheimnis des Lebens, wird aufhören, vor der Gewalt in die Knie zu gehen.

 

 

 

 

1 Vgl. „... zum Einsatz außerhalb Deutschlands befähigt sein«, Nr. 37, in: FR vom 22.3.1993.

2 Epd vom 30.9.1993.

3 L. Schottroff, Gewaltverzicht und Feindesliebe in der urchristlichen Jesustradition, in: dies., Befreiungserfahrungen. Studien zur Sozialgeschichte des Neuen Testaments, München 1990, 16.

4 FR vom 19.4.1993, 8.

 

 

 

 

Der vorstehende Text der im Jahr 2003 verstorbenen Theologin Dorothee Sölle wurde der Zeitschrift „Dialog der Religionen“ entnommen (Heft 2/ 1996, erschienen bei Chr. Kaiser, Gütersloher Verlagshaus, hrsg. von Prof. M.von Brück). Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung des Ehemannes von Frau Sölle, Prof. Fulbert Steffensky, im Herbst 2004 bei den Unterlagen der Gruppe Mystik.

 

 

 

 

 

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