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Gewöhnung an die Gewalt — Unterbrechung der Gewalt
Dem
großen Thema „Religion und Gewalt" nähere ich mich von der gegenwärtigen
westeuropäischen Situation der Mittelklasse aus. Unsere Gefahr hier scheint mir
nicht der religiöse Fundamentalismus mit seiner latenten oder offenen
Gewaltbereitschaft zu sein, sondern eine ganz andere, die ich die
religiös-liberale „Gewöhnung an die Gewalt" nennen will (l). Gibt es eine
Befreiung von dieser Gewöhnung und ist es möglich, den Kreislauf der Gewalt zu
unterbrechen (2)? Und welche Spiritualität wäre dazu nötig (3)?
I
Die meisten Menschen, die ich
kenne, stehlen oder morden nicht im unmittelbaren Sinn des Wortes, noch ist
diese Versuchung für sie gegeben. Sie lassen jedoch zu, dass für sie und in
ihrem Namen gestohlen und gemordet wird. Unsere wichtigste Beteiligung an der
Gewalt ist die Gewöhnung an sie.
Die kritische
Friedensforschung, vor allem Johan Galtung, hat bestimmte Grundstrukturen der
Gewaltförmigkeit herausgearbeitet: Wo immer Menschen an der Befriedigung ihrer
historisch möglichen Grundbedürfnisse gehindert werden, da wohnt kein Friede,
da herrscht Gewalt; sie muss nicht notwendig ein handelndes Subjekt, einen
Akteur haben. Galtung unterscheidet die „personale" oder „direkte"
Gewalt, die von bestimmten Personen ausgeht, von der „strukturellen" oder
„indirekten" Gewalt, die im System des Zusammenlebens eingebaut ist. Sie
braucht keinen personalen Akteur, die ausführenden Organe tun nichts als „ihre
Pflicht".
In Aufnahme dieser Ansätze
geht es mir hier um eine eigenartige Dreiecksbeziehung zwischen drei Formen der
Gewalt: der von unten, vielfach von gesellschaftlich machtlosen
Jugendlichen unter achtzehn ausgehenden Gewalt, der Gewalt von oben, die
wirtschaftlich und politisch motiviert ist und ein Monopol der Legitimität für
sich beansprucht, und der Gewalt von innen, womit ich die Akzeptanz der
Gewalt, die Gewöhnung an sie als das Normale meine.
Diese drei verschiedenen
Formen der Gewalt stehen in einem komplexen Verhältnis zueinander. Die meisten
Beobachter sind sich darüber einig, dass das Klima der Gewalt sich bei uns
ausbreitet, wobei jedoch in der Regel nur an die Gewalt von unten, die sich
z.B. gegen Ausländer richtet, gedacht wird. Sie wächst in der Tat eindeutig,
während die Gewalt von oben mehrdeutig und verwirrend, beschwichtigend und verdrängend
zunimmt. Die Mehrheit des Volkes hat sich an die Gewalt von unten
erfreulicherweise nicht gewöhnt, ich denke etwa an die Lichterketten als eine
symbolische Aktion des Nein zu Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Was mich
bleibend beunruhigt, ist die Gewöhnung an die Gewalt von oben, d.h. die
Akzeptanz von Wirtschafts- und Militärgewalt. Sie erlaubt es der Gewalt, in uns
Wohnung zu nehmen.
Die Gewöhnung an die Gewalt
von oben zieht die Gewalt von innen nach sich, womit ich die Unterwerfung unter
die Gewalt, die Hinnahme militärischer Planung, die Abwesenheit eines
menschlichen und eines ökologischen Bewusstseins meine. „Gewalt von innen"
bedeutet, dass wir uns der Gewalt von oben unterwerfen, obwohl wir Gewalt von
unten verabscheuen. Es ist die Kooperation der kleinen Leute, zu denen ich mich
rechne, die der herrschenden Gewalt von oben erlaubt, sich als Ordnung,
Friedensschutz, Demokratie usw. auszugeben. Wir bilden uns ein, an der Gewalt
von oben partizipieren zu können, während wir uns in Wirklichkeit ihren Normen
und Setzungen unterwerfen. „Hier atmet / noch ein Weilchen / der Frieden"
schrieb Rose Ausländer vor Jahren. Heute kann der Frieden nicht mehr bei uns
atmen, diese Zeit scheint vorüber.
Ein wesentliches Ziel der
Gewalt von oben ist es, zur Gewalt von innen zu werden und so akzeptiert
zu sein, dass Begründungen kaum mehr notwendig sind. Es ist schwer begreiflich,
aber ein Faktum, dass die militärische Gewalt heute nach dem Zusammenbruch der
östlichen Bedrohung weniger Rechtfertigung braucht denn je. Nachdem die NATO
ihren Feind verloren hat, jongliert sie mit immer vageren Formulierungen und
immer klareren Absichten. Volker Rühe sagte in seinen neuen
Verteidigungspolitischen Richtlinien: „In der postkonfrontativen Ära bleiben
die Streitkräfte ein notwendiges sicherheitspolitisches Instrument, um Chancen
wahrzunehmen und Risiken und Konflikte zu bewältigen."1 Als
erstes Ziel nennt der Verteidigungsminister nichts Defensives mehr, die ganze
Unterscheidung von Defensive und Offensive muss wegfallen. Auch die früher gern
betonte Nichtangriffsfähigkeit wird durch den klareren Ausdruck „Chancen
wahrnehmen" ersetzt. Wessen Chancen? Die neuen „immediate reaction
forces" sind Ausdruck dessen, was man früher schlicht Kanonenbootpolitik
nannte. Was dabei herauskommt, hat der Golfkrieg hinreichend bewiesen. Mit
solchen „Krisenreaktionskräften" ist vor allem die Legitimationskrise der
NATO beendet, wir wissen wieder, wofür wir nicht nur deutsche Waffen und
Absatzmärkte, sondern auch deutsche Soldaten in aller Welt brauchen. Die
Akzeptanz des Bellizismus ist gewachsen.
Wir mögen Gewaltlosigkeit als
Norm proklamieren, aber das ist noch lange nicht das, was mit dem schönen
Begriff „Gewaltfreiheit" gemeint ist. Der Wunsch, in gewaltlosen
Verhältnissen arglos zu leben, bleibt naiv und verfällt gerade der Gewöhnung an
die Normalität der Gewalt, von der Erich Fried spricht. Als wäre es so leicht,
aus der alles beherrschenden Gewalt, auf die wir unser Leben gründen, zu
kommen! Ich bin nicht gewaltfrei, sondern gefesselt an einen Lebenszusammenhang
der Zerstörung anderer Geschöpfe, ich wohne immer schon im Hause der Gewalt.
Der Theologe und sächsische
Justizminister Steffen Heitmann hat öffentlich bedauert, dass bei uns der
Gewaltbegriff nur noch negativ verwendet werde. Das staatliche Gewaltmonopol
sei eine hohe kulturelle Leistung. Die Zunahme nicht-staatlicher Gewalt hängt
nach seiner Meinung damit zusammen, dass das staatliche Gewaltmonopol „in Frage
gestellt und nur zurückhaltend ausgeübt" werde2. Das ist der
Versuch einer — wie ich denke: allzu einfachen — Antwort auf die wachsende
Gewalt, sie bedeutet im Klartext: staatliche Gewalt, mehr, besser ausgerüstete
Polizei, mehr Gefängnisse und härtere Strafen. Eine Vision von einem anderen,
weniger gewalttätigen Lebensstil ist aus diesem Denkansatz, der die Spirale der
Gewalt bruchlos verinnerlicht hat, nicht zu erwarten.
Eine mögliche Befreiung von
der Gewalt kann nur als zeitweilige Unterbrechung gedacht werden, das ist ein
zweiter Schritt der Erkenntnis. Unterbrechung ist weniger als Aufhebung, ein
bescheideneres, realistischeres Ziel. Die Friedensbewegung ist keineswegs nur
ein netter Traum vom gewaltlosen Leben. Sie hat vielmehr ein klares Bewusstsein
von der Realität der Gewalt, auch in uns selber. Diese Realität lässt sich in
der vormessianischen Welt nicht aufheben, es kommt aber alles darauf an, sie
zeitweilig zu unterbrechen. Nur im Bruch, der von den Opfern der Gewalt und
denen, die sich mit ihnen solidarisieren, ausgeht, leuchtet die Chance auf, dass
in einer bestimmten Situation Verhaltensänderung und in diesem Sinn Frieden
möglich werden.
Die franziskanische Tradition
hat eine Ur-Geschichte solcher Gewaltunterbrechung festgehalten. Bei Gubbio in
Umbrien lebte ein gewaltiger Wolf, der Tiere und Menschen verschlang. Aus Angst
vor ihm trauten sich die Bewohner nicht mehr aus der Stadt. Franziskus ging dem
Wolf entgegen, seine Gefährten blieben aus Angst zurück. Der Wolf stürzte
zähnefletschend auf ihn zu. Der Heilige sprach ihn als „Bruder Wolf" an
und machte das Zeichen des Kreuzes über ihm. Der Wolf sperrte seinen schon
geöffneten Rachen zu und ließ sich zu Füßen des kleinen unbewaffneten Mannes
nieder. Franz sagte zu ihm: „Du bist hier jedermanns Feind. Ich aber möchte,
Wolf, mein Bruder, dass Friede sei zwischen ihnen und dir." Er schließt
dann eine Art Bund, in dem die Umwohner sich verpflichten, den Wolf zu füttern,
damit er niemals mehr Hunger leiden muss, und der Wolf ihm, Pfote in Hand,
verspricht, niemandem, weder Mensch noch Tier, mehr Schaden zuzufügen. Dieser
Vertrag wird öffentlich besiegelt, der Wolf lebt noch zwei Jahre, von den
Bürgern geachtet und von den Kindern geliebt.
Ich erzähle die Geschichte,
um den Begriff Unterbrechung der Gewalt zu klären. Er trägt zwei Elementen des
biblischen Denkens Rechnung, dem Realismus und der Hoffnungsfähigkeit. Er
verleugnet die Realität der Kreisläufe nicht. „Das eben ist der Fluch der bösen
Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären", heißt es bei Schiller
im Wallenstein. Das Ziel des anderen Umgangs mit der Gewalt ist nicht, eine konfliktfreie
Welt zu schaffen und möglichst alle Wölfe auszurotten. Doch es gibt auch die
Unterbrechung ihrer Zwangsläufigkeit, die Entwaffnung, die Überraschung, die
Bannung des Fluchs und die Möglichkeit, der alles beherrschenden Gewalt ein
Nein entgegenzusetzen, das ihren absolut erscheinenden Zwang unterbricht.
Mir hat der Einstieg in
gewaltfreie Aktionen gerade den Blick geschärft sowohl für das Netz der Gewalt,
das uns in unserem Alltag gefangenhält, wie für eine zuvor ungekannte Freiheit.
Das Netz für Augenblicke zu zerreißen, den Wind der Freiheit für Augenblicke zu
spüren, ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die Menschen in der
Gewaltbefreiung, der Entrüstung machen können. Die Freiheit definiert sich dann
plötzlich neu, sie ist mehr als nur der Duft der weiten Welt, die für unseren
Konsum geschaffen ist. Ihr wichtigster heutiger Name, ihr tiefstes Gebet geht
um — Freiheit von der Gewalt.
Ein mich stärkendes Beispiel
solcher zeitweiliger Unterbrechung der herrschenden Normalität ist die Arbeit
der Südafrikafrauen der evangelischen Frauenarbeit. Sie haben in jahrelangem
konsequentem Boykott die Früchte der Apartheid als unsere Form der Teilhabe an
der Gewalt des Rassismus aufgedeckt. Sie gingen zu den Großmärkten und ließen
sich beschimpfen und demütigen, wenn sie den Großhändlern zu erklären
versuchten, dass ihre südafrikanischen Apfelsinen „nach Blut schmecken".
Sie machten den Frauen beim Einkaufen klar, an welchen Stellen wir im Alltag
der Gewalt zur Hand gehen oder sie unterbrechen können. Sie sprachen mit
Bankdirektoren und Angestellten über die Investitionen, die nötig sind, das
Unrechtssystem zu erhalten. Nichts an ihrem Verhalten war spektakulär oder
medienwirksam, der Spott der Öffentlichkeit und die Nichtbeachtung durch die
eigene Großinstitution der Kirche waren den Frauen sicher. Und doch haben sie
an einem konkreten Punkt die Gewalt unterbrochen, an der wir alle durch
Einkaufen und Konsumieren gewöhnlich Anteil haben. Es war nicht nur eine
persönliche Verweigerung, sondern eine Einladung an alle, die Gewalt doch nicht
mitzutragen. Der Boykott von Millionen von Menschen in der ganzen Welt, ich
denke vor allem auch an die Schwarzen in den USA, hat dazu beigetragen, das
Regime der Apartheid, als eine Form der Gewalt, unerträglich zu machen. Wir
haben allen Grund zur Dankbarkeit für diese Art Befreiung. Traditionen solcher
gelebter Gewaltunterbrechung sollen erinnert und gefeiert werden, gerade in den
finsteren Zeiten der ununterbrechbar erscheinenden Gewöhnung.
Zugleich macht die Erinnerung
uns aufmerksam auf die Tiefe der eigenen Verstrickung in die Gewaltstrukturen.
Wo und wie können wir uns in Unterbrechungen einüben? Wie stark ist das Leiden
an Gewaltstrukturen wie Rassismus, Waffenexporte, Menschenrechtsverletzungen,
weltweite Militäreinsätze, Naturzerstörung? Von wann an reißt es uns aus der
Gewöhnung an die Gewalt heraus?
Beim Nachdenken über die
jugendlichen Rechtsextremisten fiel mir ein Projekt aus der Sozialarbeit ein,
an dem Hephzibah Menuhin, die Schwester des berühmten Geigers, beteiligt war.
Es ging um jugendliche Gewalttäter in einem Londoner Gefängnis. Die beteiligten
Sozialarbeiter gingen von der Voraussetzung aus, dass negativer Nonkonformismus
sich nicht durch Konformität bekämpfen lasse. Gewalttäter seien nicht durch
Unterwerfung unter bestehende Normen und ihre anerkannte oder erduldete Gewalt
zu verändern, sondern nur mit Hilfe einer anderen Art von Nonkonformismus, bei
dem ihre Nicht-Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Realität respektiert
und erhalten bleibe. Negativer Nonkonformismus sollte zum positiven Nonkonformismus
werden und den Gefangenen nach der Entlassung eine neue Lebensperspektive
bieten. Sie lernten, ihre Wut und ihre Verachtung der gesellschaftlichen
Bedingungen nicht abzulegen oder zu verleugnen, sondern sie an die Adressen zu
lenken, die tatsächlich Verantwortung tragen, für Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit
und Sozialabbau einerseits, für Apathie, Selbstaufgabe und Selbstzerstörung
andererseits. Die dumpfen Gefühle der Ohnmacht und der Lebensniederlagen
sollten zu lebendigen Kräften werden.
Auch die Bibel empfiehlt
bekanntlich nicht, die Schwerter zu vergraben oder zu verklappen, sondern sie
umzuschmieden zu Pflugscharen. So arbeiteten die Entlassenen im selben Milieu,
auf der Straße, und steckten ihre Kraft nicht in die Anpassung, sondern in das
andere Leben, das sie in der Reproduktion der Gewalt auf dem falschen, dem
kriminellen Weg gesucht hatten.
An diesem Beispiel habe ich
besser verstanden, was die Forderung Jesu, die Feinde zu lieben (Matthäus
5,44), bedeutet. Sie ist an machtlose Gruppen, die innerhalb des sozialen
Machtgefüges keine legalen Machtmittel haben, gerichtet. Sie ist nicht am
Idealbild der römischen Herrscher orientiert, der sich in Milde, in clementia,
dem unterworfenen Feind gegenüber herabneigt. Die Feinde zu lieben heißt auch
nicht, die von der Gewalt Beschädigten und Beleidigten um die Aufgabe ihres
Widerstands zu bitten. Feindesliebe ist gedacht aus der realen verzweifelten
Situation der Machtlosen, die in einem gewaltfreien Widerstand kämpfen. „Der
Starke kann dem Schwachen Liebe und Barmherzigkeit zuwenden (und umgekehrt).
Feindesliebe jedoch praktiziert der Schwache dem Starken gegenüber. Lehren und
fordern kann sie dann nur der am Widerstand Beteiligte .. ."3.
Darum ist die beste Auslegung des Gebotes die, die aus einer sozialgeschichtlich
vergleichbaren Situation kommt und sich an der ursprünglich biblischen orientiert.
Martin Luther King appellierte an die „erbittertsten Gegner" mit den
Worten: „Wir werden eure Fähigkeit, uns Leid zuzufügen, durch unsere Fähigkeit,
Leid zu ertragen, wettmachen ... Tut uns an, was ihr wollt, wir wollen euch
trotzdem lieben."
Nicht eine feindfreie Welt,
in der die Wölfe ausgerottet werden, ist das Ziel, sondern eine Unterbrechung
der Gewalt, in der Entfeindung als Versöhnung möglich wird. Der Wolf wird
gezähmt, lässt sich nicht auch der Rassismus zähmen? Lassen sich die gefrorenen
Bilder vom Erbfeind nicht auftauen, so dass Menschen die Andersheit der Anderen
zu ertragen lernen?
Aggressivität hat zwei
Gesichter: Sie ist ein notwendiger Lebensimpuls ebenso wie eine
Zerstörungsmacht. Im Englischen hat das Wort „aggressive" eine
konstruktive und eine destruktive Bedeutung. Im positiven Sinne verweist es auf
Lebensenergie oder Intensität, eine vorwärtsdrängende Kraft oder Dynamik. Fehlt
sie, etwa im intellektuellen Bereich, so wird die Person als verschlafen, fade,
geistlos empfunden. Der lateinische Wortsinn von aggredi, auf etwas
zugehen und angreifen, ist in solchem Sprachgebrauch lebendig. Diese
konstruktive Aggressivität wurde in dem Londoner Resozialisierungsprojekt nicht
geleugnet, die negative nicht einfach gebändigt oder zurückgenommen, die Therapie
war vielmehr eine Umschmiedung der destruktiven blinden Aggression in einen Entwurf
anderen Lebens hinein.
Wir brauchen eine andere
politische Spiritualität. Es ist die Eigenart der Gewalt, dass sie uns an sich
gewöhnt und zugleich die Hoffnung ins Exil treibt. Vor unseren Augen zerfallen
die Erinnerung an ein anderes Leben und die Bilder von ihm. Die Gerechtigkeit —
als der wichtigste Name für Gott, den die jüdischen und christlichen
Traditionen artikuliert haben — und ihre Handlungskonsequenz, die Solidarität,
sterben in unserem Land. Das „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters" (Ralf
Dahrendorf) ist eine der politischen Konsequenzen dieser Zerstörung nicht nur
einer Partei. Mit dem Zerfall des kommunitären Bewusstseins verringert sich
auch die Fähigkeit zum Widerstand gegen Wirtschafts- und Staatsgewalt. Wir
wissen alle, dass unsere Mutter, die Erde, stirbt, vor unseren Augen und durch
uns. Wann geht uns der Atem aus? Wann japsen wir um Luft wie die Fische? Die wichtigste
Veränderung, die wir brauchen, ist eine radikal andere Beziehung zur Schöpfung.
Statt uns als Meister und Besitzer der Natur aufzuführen, sollten wir lernen,
uns als Teil des Ganzen, als Kinder der Erde und als Geschwister der anderen
Kreaturen zu begreifen.
Ich glaube nicht, dass eine
solche Umkehr im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus und seiner Absage an
die Religion möglich ist. Ich frage mich, wie, wann endlich, wo wir den
aufrechten Gang lernen werden, die Verweigerung der Gewalt gegenüber, die
Erziehung zur Gewaltfreiheit, die Spiritualität eines Friedens, der in
irgendeinem Sinn schon in uns sein muss, ehe er so sichtbar wird, dass er
ansteckt. Das milde Unbehagen der Mehrheit denen gegenüber, die Gerechtigkeit,
Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einklagen und nicht aufhören, an diesen
Fragen zu arbeiten, hat sicher verschiedene Gründe: Es ist eine schlechte Zeit
für mehr Demokratie, mehr Partizipation, mehr plebiszitäre Elemente und Praxen,
aber liegt einer der Gründe nicht auch in uns selber? Wir sind nicht sehr
überzeugend, gleichwohl unsere Analysen klar sind und unsere Alternativen
einleuchten.
Ich vermute, es hat mit einem
tiefen Mangel an politischer Spiritualität zu tun, der innerhalb der
Friedensbewegung an manchen Stellen aufgehoben worden ist — ich denke an
Gottesdienste im Hunsrück vor den Kathedralen des Todes —, heute aber mehr denn
je empfunden wird. Ich frage mich tatsächlich, ob es nicht stimmt: Nur wer niederknien
kann, wird den aufrechten Gang lernen. Es geht mir nicht um eine christliche,
gar kirchliche Vereinnahmung der ökopazifistischen Bewegung, wohl aber um eine
Rückbesinnung auf die spirituellen Wurzeln, die uns nähren und ohne die wir in
den intelligenten Zynismus, der eine Form der Gewöhnung an die Gewalt ist,
zurückfallen.
Wir müssen lernen, unsere
Ehrfurcht vor dem Leben sichtbar zu machen, in unseren Aktionen und in unseren
politischen Forderungen. Ich vermute, dass der allgemeine humanistische
Konsens, von dem viele in der Friedens- und Ökologiebewegung getragen waren,
dieser liberale postreligiöse Humanismus, vor unseren Augen zerbröckelt. Er ist
nicht mehr konsensfähig, er wird den Übergang in die Postmoderne und das neue
Zeitalter der Gewalt nicht überleben. Die Gewöhnung an sie als das Normale ist
im Zweifelsfall bereits viel weitergegangen, als wir ahnen. Darum muss der
versteckte Idealismus, der uns trug, öffentlich werden, er muss Gestalt finden.
Wir sollen unsere Wünsche und Sehnsüchte nicht nur heimlich in Stoßseufzern
sammeln. Es gibt eine menschheitliche Sprache der Sehnsucht, warum sollten wir
sie nicht neu lernen? Warum wagen wir nicht, auf einer Tagung, in der es um
Entfeindung und Versöhnung geht, zu beten? Warum überschreiten wir die Grenze
der Konventionalität, des wissenschaftlichen Gedankenaustausches nicht? Warum
bilden wir uns immer noch ein, Religion sei Privatsache? Wir wissen doch schon
lange, dass wir eine andere Spiritualität als die unserer Welt bitter nötig
haben. Hin und wieder haben wir sie in kleinen Versammlungen schon aufleuchten
sehen:
Lieder und Gesten, Befreiung,
Geschichten von wunderbarer Heilung und von den Senfkörnern des anderen Lebens,
Flurprozessionen und Aussendungs-Segnung für die, die in jugoslawischen
Flüchtlingslagern arbeiten...
Der Glaube an den Frieden mit
den Armen und mit der Erde und mit uns selber braucht Selbstausdruck und
Überwindung der religiösen Sprachlosigkeit. Die Kommunikation wächst mit der
Fähigkeit zur Expression. Ora et labora, bete und arbeite auf dem unfruchtbar
gemachten, verwüsteten Feld unseres Landes! Wer könnte denn annehmen, dass für
den Frieden mit uns selber und mit unserer Mutter, der Erde, das Arbeiten
allein, die neuzeitlich- rationalistische Verkürzung des Lebens reichte?
Der schwarze südafrikanische
Politiker Chris Hani hat unlängst vor seiner Ermordung an Ostern 1993 ein
Interview gegeben. Er wurde gefragt, wie er denn die Weißen, die „schon lange
eingesponnen in Macht und Privilegien leben", zusammenbringen wolle mit
den Schwarzen. Seine Antwort hat mich sehr bewegt. Hani sagte: „Es ist möglich.
Ich habe unendliches Vertrauen in Menschen. Ich weiß, dass Menschen korrumpiert
werden können, wenn die Umstände danach sind. Sie können korrumpiert werden
durch Indoktrination, durch Erziehung, durch das Bedürfnis nach Verteidigung
ihrer Privilegien ... Ich bin ein Idealist. Ich glaube, wir alle haben es
nötig, Idealisten zu sein. Ich glaube, wir sollten alle nach einer vollkommenen
Gesellschaft streben, auch wenn wahrscheinlich die vollkommene Gesellschaft
nicht realisiert werden kann. Warum sollten wir uns nicht inspirieren und befeuern
lassen von dem, was Christen sich danach sehnen lässt, angenommen zu werden im
Paradies, im Himmel, in dem es kein Leiden gibt?"4 Haben wir
auch „unendliches Vertrauen in Menschen", in die Gleichgültigen und die
Flott-beliebigen, in die Gewaltverseuchten und die Ängstlichen, in die
Rüstungsprofiteure und Waffenhändler, in die Korrumpierten und die, die unser
aller Privilegien auf Kosten der Armen und der Erde für ewig sichern wollen?
Woher nimmt ein Mensch denn dieses Vertrauen und diese Kraft, wenn nicht aus
dem Grund allen Lebens, den wir Gott nennen mögen oder das gemeinschaftliche
Gute?
Das erleuchtete
Selbstinteresse des Individuums, diese ethische Grundlage des
religionsneutralen Kapitalismus, hat uns doch gerade dahin gebracht, wo wir
jetzt sind! Es sind doch die Marktgesetze selber, die das Leben in Angebot und
Nachfrage aufgelöst, eine Kosten-Nutzen-Mentalität erzeugt und die
Konsumorientierung als Lebenssinn definiert haben. Die verschiedenen Formen der
Gewalt sind Produkte solcher Konsumpädagogik. Sich ihr nicht zu unterwerfen,
hieße den aufrechten Gang zu lernen. Werden die Minderheiten der reichen Welt
zu so viel Umkehr in der Lage sein? Lassen sie sich entwöhnen und versöhnen?
Nur wer niederknien kann vor dem Geheimnis des Lebens, wird aufhören, vor der
Gewalt in die Knie zu gehen.
1 Vgl. „... zum Einsatz
außerhalb Deutschlands befähigt sein«, Nr. 37, in: FR vom 22.3.1993.
2 Epd vom 30.9.1993.
3 L. Schottroff,
Gewaltverzicht und Feindesliebe in der urchristlichen Jesustradition, in:
dies., Befreiungserfahrungen. Studien zur Sozialgeschichte des Neuen
Testaments, München 1990, 16.
4 FR vom 19.4.1993, 8.
Der vorstehende Text der im Jahr 2003 verstorbenen Theologin
Dorothee Sölle wurde der Zeitschrift „Dialog der Religionen“ entnommen (Heft
2/
1996, erschienen bei Chr. Kaiser, Gütersloher Verlagshaus, hrsg. von Prof.
M.von Brück). Wir veröffentlichen
ihn mit freundlicher Genehmigung des Ehemannes von Frau Sölle, Prof. Fulbert
Steffensky, im Herbst 2004 bei den Unterlagen der Gruppe Mystik.
(Quelle: http://rpi-virtuell.net/home/mystik
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