Prof. J.-P. MartinLdL im Religionsunterricht

LdL - Lernen durch Lehren - ist eine äußerst anspruchvolle Methode des selbstbestimmten Lernens: Die Schülerinnen und Schüler halten selbst Unterricht. Ob die das können? Lesen Sie, was der Erfinder von LdL, Dr. Jean-Pol Martin, Professor an der Universität Eichstätt, dazu sagt ...

Herr Martin, wie haben Sie LdL - Lernen durch Lehren - erfunden?

Jeder weiß, dass man eine Sprache am besten lernt, wenn man sie viel spricht. Ich unterrichtete Französisch am Gymnasium und war Mitautor des Lehrwerks »A bientôt«. Da beschäftigte mich die Frage: Wie kann ich erreichen, dass nicht ich in der Klasse demonstriere, wie wohl klingend mein Französisch ist, sondern dass die Jugendlichen selbst sprechen?
Und so kam ich darauf, dass die Schülerinnen und Schüler selber die Lehrerrolle übernehmen und in ein echtes Gespräch miteinander kommen.
Über »meine« Methode schrieb ich dann meine Dissertation, später die Habilitationsschrift. Inzwischen ist LdL bekannt und relativ etabliert und wird praktisch in allen Fächern und Schularten angewandt.
  

Bei LdL führen die Jungen und Mädchen den Unterricht selbst durch. Können die das denn überhaupt?

Am Anfang können sie das überhaupt nicht. Wenn man ihnen schrittweise beibringt, wie das geht, und es mit ihnen einübt, sind die Ergebnisse schon nach ein paar Wochen verblüffend! Manche Kolleginnen bzw. Kollegen beginnen schon in der Grundschule mit LdL, vor allem aber ab der 5. Klasse und dann bis zum Abitur und später auch in der Erwachsenenbildung.

      
Arbeiten die Lehrkräfte dann wohl gar nichts mehr?

Im Gegenteil: Am Anfang helfen sie den Schülerinnen und Schülern, den Stoff so aufzubereiten, dass er für die anderen Lernenden interessant ist.
Sie sorgen kontinuierlich dafür, dass die Kommunikation während der Stunden funktioniert, also dass die Lehrerschüler klar und verständlich für alle sprechen.
Sie sorgen dafür, dass die Jungen und Mädchen einen interessanten Stoff zur Bearbeitung bekommen.
Sie korrigieren die schriftlichen Arbeiten. Sie sorgen für Disziplin.
Sie motivieren, wenn die Motivation nachlässt.
Sie springen gelegentlich ein, um Inhalte, die nicht verstanden wurden, noch einmal auf den Punkt zu bringen...
Nur eines tun sie nicht: Der Klasse nach Uralttradition den Stoff vorkauen ...
Die Lehrerrolle wandelt sich bei LdL ganz stark. Wahrscheinlich macht Ihnen das Unterrichten mit LdL viel mehr Spaß!
   

Nennen Sie uns doch die drei wichtigsten Vorteile Ihrer Methode!

  

Ein Aufsatz von Ihnen heißt »Weltverbesserungskompetenz als Lernziel?«. Kann man mit einer Unterrichtsmethode die Welt verbessern?

Das soll natürlich ein bisschen provozieren. Trotzdem: Ja! LdL macht einfach Spaß, wie alle bestätigen, die es erproben. Mehr Spaß und Zufriedenheit in der Schule - das tut den Lehrkräften und den Heranwachsenden gut!
Und ich blicke noch weiter: Um die Probleme anzugehen, die auf die globalisierte Menschheit zukommen, brauchen wir alle verfügbaren intellektuellen Ressourcen. Die neuen Lernziele heißen: Fähigkeit zu kommunizieren, Bereitschaft, sein Wissen weiterzugeben, Fähigkeit und Bereitschaft, kollektiv Wissen aufzubauen und dieses Wissen zur Problemlösung einzusetzen. Genau die Kompetenzen, die durch LdL eingeübt werden! Einfach ausprobieren! Im Internet finden Sie jede Menge Tipps, Hinweise und nette Kolleginnen und Kollegen als Ansprechpartner! 
  
                    
Neugierig geworden?

Mehr zu LdL:

Januar 2003
Das Interview führte Julia Born.